"Angstblüte": Schlingpflanzen der feinen Gesellschaft

- Da ist Karl, verheiratet mit seiner Helen, einer Eheberaterin. Beide zweit-verehelicht. Und da ist sein Freund Diego, der eigentlich Lambert heißt. Aber da Gundi, die dritte, viel jüngere Frau und obendrein Talkshow-Moderatorin, diesen Namen nicht mag, musste eine "Mutation" her - des Namens, aber wohl auch des Charakters.

Denn wenn wir als Leser in das Geschehen von Martin Walsers neuem Roman "Angstblüte" einsteigen, ist Diego gerade dabei, seinen Freund geschäftlich zu linken. Er stellt sich todkrank, um den Anlageberater Karl von Kahn weich zu klopfen. Der soll dem Verkauf von gemeinschaftlichen Firmenanteilen zustimmen. Was er auch tut. Der Geldmann ist anständiger als der Kulturmann, als Diego/Lambert, der Antiquitätenhändler.

Walser wendet sich nach Düsseldorf ("Der Lebenslauf der Liebe") und Bodensee/USA ("Der Augenblick der Liebe") wieder einmal München zu: der feineren Gesellschaft allhier. Und er möchte mit den ausgezuzelten Stereotypen vom bösen, bösen Monetenmacher aufräumen. Wie er überhaupt im gesamten Roman versucht, auf leichte, fast schon lustspielluftige Weise darzulegen, dass Vorverurteilungen - unter denen er selbst ja heftig zu leiden hatte und hat - so dumm wie menschenfeindlich sind. Viel Humor und feinste Differenzierungen helfen dem Schriftsteller, uns seine Figuren sympathisch, dann unsympathisch, gleich wieder nett, darauf unerträglich und so fort erscheinen zu lassen.

Walser pflegt genüsslich viele kleine Bosheiten à la Feydeau; ist nicht harmonieselig. Folgt diesem und dessen espritvoller Zunft zugleich darin, nie jemanden gnadenlos zu verdammen. Es entsteht also mit "Angstblüte" eine wunderlich schwebende, dauernd absturzgefährdete Balance-Nummer der Gesellschaftssatiren. Die gelingt dem Autor bis auf einige bedenkliche Wackler über die unvorsichtig lange Strecke von fast 480 Seiten.

Für hiesige Leser hat das Ganze naturgemäß einen besonderen Reiz, denn man bewegt sich zwischen der Münchner Osterwaldstraße und Herrsching am Ammersee. Unter der ironisch gekräuselten Klatschspalten-Oberfläche verbirgt Martin Walser einige gefährliche Schlingpflanzen, die jeden unter Wasser zu ziehen drohen.

Alter, Krankheit und Tod - Karl ist ein 70er -, Armut, Einsamkeit und Lächerlichkeit - Karl verknallt sich in ein Starlett - sowie unausweichliche Schuld. Da ist nicht nur seines Bruders Ereweins (historische) Schuld aus dem Krieg; da ist auch noch Karls Schuld, die zwangsläufig aus dem ungestillten Wunsch erwächst, einfach so sein zu dürfen, wie er ist: ein Zinseszins-Anbeter und ein alter Bock, der viel (außerehelichen) Sex im Kopf hat. Dass das nicht möglich ist, weil ihn seine Umwelt, insbesondere Ehefrau Helen, so nicht will, bleibt die offene Wunde. Schuldig und unschuldig fallen in eins. Eine Lösung gibt es nicht. Deswegen kann sich der Mann nur an seine Erfahrung halten: "Dich lähmt keine Angst. Du hast Angst. Natürlich hast du Angst. Immer gehabt. Angst ist der Grund für alles. Angst macht dich empfindlich. Deine Angst blüht auf in dir, hat einen Duft, den spürst du als Droge."

Elegant gruppiert Martin Walser um seinen Karl von Kahn per Arbeits- und Liebesverhältnis, per Freund- und Verwandtschaft eine vielfältige Personnage. Da kann der Fein-Beobachter und Fabulierer, der Bonmot- und Sentenzen-Setzer zur Bestform auflaufen: Wenn seine Hauptperson, die mit unglaublichem Instinkt, rührender Treue und echter Hilfsbereitschaft für ihre Kunden Börsengeschäfte tätigt, über Geld philosophiert, werden selbst Kapitalistenfresser der dritten Generation vom allein seligmachenden Markt überzeugt. Wenn der Autor "nur" die Kleidung von Karls Partner faden-fein charakterisiert, wenn er Dialoge als rasantes Boulevardkomödien-Match hintupft, wenn er Ehepsychologen-Weisheiten ernst und zugleich unernst aufnimmt, ist kein einziges Detail langweilig.

Neuschwansteinchen in der Menterschwaige

Außerdem werden allerhand imposante Auftritte inszeniert. Von barocker Opulenz sind die Diego-Szenen. Der Antiquitäten-Guru darf in seinem Neuschwansteinchen in der Menterschwaige über Kunst und Literatur bramarbasieren, wobei Walser auch da ein Schillern zwischen Klugheit und bloßem Imponiergehabe erzeugt. Von hinreißender Fragwürdigkeit sind die Gundi-Szenen, da die Moderatorin in einem Fliegenden-Holländer-Schiff ins Talkshow-Studio einfährt.

"Es geht nur ums Angeschautwerden." Diese Fernseh-Charakterisierung gilt für die gesamte "Kulturfraktion" - von der Kunst bis zum Film. Wahr und falsch, echt und fiktiv, real und virtuell verschwimmen in dieser Welt - wie auch in der der Börse.

Martin Walser: "Angstblüte". Rowohlt Verlag, Reinbek, 477 Seiten; 22,90 Euro.

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