Angststarre und Überreaktion

- Ein "Kniefall vor Terroristen" sei dies, empört sich die Unionsfraktion im Bundestag. Doch da haben die Politiker etwas missverstanden: Terroristen hat es im Falle des Berliner "Idomeneo" ja gar nicht gegeben. Dass Intendantin Kirsten Harms ohne echte Not und nur auf windelweiche "Hinweise" aus Polizeikreisen eine Aufführung absetzte, das ist die eigentliche Affäre, die auf einen Rücktritt der Opernchefin hinauslaufen könnte.

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Nur folgerichtig, dass bislang kaum jemand für das Vorgehen von Kirsten Harms Verständnis zeigte. Weder in der internationalen Presse, noch unter ihren Intendanten-Kollegen. Frank Baumbauer, Chef der Münchner Kammerspiele, vermutet zum Beispiel, Kirsten Harms habe "in einer Angststarre überreagiert". Er halte diese Entscheidung "für absolut singulär, fatal und falsch". Überdies wundere er sich schon, warum Kirsten Harms nicht irgendjemanden an ihrer Seite gehabt habe, der sie in dieser Sache beraten hätte.

"Der Spielraum für die Kunst muss verteidigt werden." Der Druck auf die Intendantin wächst Ähnlich äußerte sich Klaus Schultz, Intendant des Gärtnerplatztheaters. Er setze sich für eine "nachdrückliche Verteidigung der uneingeschränkten Kunstfreiheit" ein. "Der von Frau Harms geforderte Dialog mit dem Islam kann nur vor dem Hintergrund der aufgeführten Inszenierung stattfinden, nicht mit deren Absetzung." Unterdessen wächst der Druck auf Kirsten Harms, Mozarts "Idomeneo" doch wieder in den Spielplan zu nehmen.

Wie gestern berichtet, hatte sie die Inszenierung von Hans Neuenfels als Vorsichtsmaßnahme abgesetzt, da dort der Titelheld mit den abgeschlagenen Köpfen von Jesus, Mohammed und Buddha auftritt. Eine Szene, die schon seit der Premiere vor drei Jahren bekannt ist. Wenn Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) nun aber ankündigt, man wolle "Bedingungen schaffen, damit eine Wiederaufnahme der Oper möglich wird", verhält er sich bewusst nebulös. Vorbedingungen, da sind sich nicht nur die meisten Kunstschaffenden einig, braucht es keine, die Produktion müsse einfach wieder gespielt werden. Flierl dagegen möchte nun einen "Konsens unter allen gesellschaftlichen Gruppen schaffen", um die Freiheit der Kunst zu sichern.

Dazu solle zunächst auf einer Podiumsdiskussion am 3. Oktober in der Deutschen Oper über den Fall "Idomeneo" gesprochen werden. Zugleich wächst sich die Kunst-Affäre zum Parteienstreit aus. Die Berliner CDU wirft dem SPD-Innensenator Ehrhart Körting vor, er habe Kirsten Harms im Regen stehen lassen -zumal sich diese ja auf eine Warnung Körtings gestützt habe, als sie die Oper vom Spielplan nahm. Auch andere wie Guido Westerwelle (FDP) nehmen Harms in Schutz und zielen damit auf die Berliner Stadtregierung.

Eine Kulturmanagerin wie Harms, so meint Westerwelle, sei schließlich keine Expertin für innere Sicherheit -und verkennt dabei, dass die Chefin eines Opernhauses die Sicherheitslage -mangels einer konkreten Bedrohung -falsch eingeschätzt hat. Ganz langsam rudert die Deutsche Oper offenbar zurück. Alexander Busche, Sprecher des Hauses, schloss ein baldiges Wiedersehen mit "Idomeneo" nicht aus. "Wenn wir die entsprechenden Sicherheitsgarantien bekommen, dann wollen wir ernsthaft überlegen, ob wir die Inszenierung wiederaufnehmen", sagte er.

Ob er dabei an Panzerwagen auf der Bismarckstraße oder Scharfschützen in den Rängen denkt, führte er allerdings nicht aus. Hans Neuenfels, Regisseur des "Idomeneo", gab sich weniger wütend, eher verwundert. Er habe seit der Premiere 2003 keine Kritik von Muslimen vernommen, sagte er im Gespräch mit der SZ. "Die Menschen, die den islamischen Glauben leben, machen mir keine Angst. Mir machen vielmehr die Menschen Angst, die uns vor dem Glauben dieser Menschen Angst einjagen."

Und der unkonventionellste, gar nicht fernliegende Vorschlag in diesem Zusammenhang stammt natürlich wieder von Christoph Schlingensief. "Warum", so fragte er gestern, "lädt die Deutsche Oper die heutige Islamkonferenz nicht zur Sondervorstellung ein?"

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