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Verdi in Bestbesetzung mit Münchens Operntraumpaar Jonas Kaufmann und Anja Harteros, dirigiert von Antonio Pappano.

Konzertante Aufführung in Rom

"Aida": Thriller am Tiber

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Rom - Anja Harteros und Jonas Kaufmann geben in Giuseppe Verdis „Aida“ ihre spektakulären Rollendebüts.

Gülden blitzen die Riesenpailletten an der Diva, während er, Brust raus, Kreuz durchgedrückt, im Maß-Frack Lieb’ und Krieg erleidet. Konzertante Aufführungen, gerade bei der elefantensatten, wahlweise regiekrampfigen „Aida“, können ja ein Segen sein. Als kleinen Inszenierungsersatz verteilen dafür am Eingang zum Parco della Musica Damen in Toga und mit Kleopatra-Perücke Programmhefte. Doch wer braucht überhaupt Regie, wo sich Rom anschickt zur Blockbuster-Besetzung?

Anja Harteros und Jonas Kaufmann, Münchens so ungleiches Operntraumpaar, mit Rollendebüts in Verdis Theben-Krimi, dazu Antonio Pappano am Pult seiner Accademia di Santa Cecilia, da richten sich Augen, vor allem Ohren auf die Ewige Stadt. Gut eine Woche waren die Stars dort zusammengekommen. Proben, Aufnahmesitzungen, eine CD-Produktion und als krönendes Finale die konzertante Aufführung im ausverkauften 2700-Plätze-Saal. Viel Sicherheitspersonal, Ministerpräsident Matteo Renzi hatte sich angesagt, eine Menschentraube in der Pause um Cecilia Bartoli – die braucht keine Beschützer.

Anders als die früheren Verdi-Hits hat die „Aida“ ja seit langem ein Problem: Sie kann eigentlich nicht besetzt werden. Oder doch? Jonas Kaufmann als Radames ist den großen Vorgängern del Monaco, Corelli oder Vickers dicht auf den Fersen. Muskelspiele mit seinen so verschwenderischen Prachttönen gibt’s vor allem nach der Pause, davor viel Feinarbeit. Auf Mezzavoce riskiert er das „Celeste Aida“, mit altertümlich glissandierenden Intervallen und gelegentlichen Schluchzern und einem hohen B, das bis ins Pianissimo gedimmt wird. Keine Ermüdung bis ins Finale, dafür viel gut zurechtgelegte Dramatik. Das wird, kein Zweifel, Kaufmanns neue Vorzeigepartie.

Wie immer nähert sich Dauerpartnerin Anja Harteros von der Gegenseite. Eine Lyrische, die ihre erste Aida mit reinstem Seelentonklang grundiert. Für die Attacken kann sie dennoch viele erstaunlich große Töne auspacken. Die erste Arie, so erfüllt, so technisch sicher, ist nahe der Perfektion. Bestechend ist aber, wie Anja Harteros mit dem Text umgeht, wie sie die Partie bis in jede Silbe, jede Phrasenwendung, jede Widersprüchlichkeit und Liebeshingabe durchdacht hat und dies zu Nuance, Farbe und Agogik werden lässt.

Was man auch hört: Die Rolle ist ein Power-Marathon, und die lange Woche zuvor hatte es in sich. Manche Töne verspannen sich, am Ende auch mancher im Saal mit überflüssigen Buhs. Wie bei Mirella Freni, deren 80. Geburtstag just an diesem Tag gefeiert wird, könnte die Aida bei Anja Harteros ein schönes, jedoch vorübergehendes Experiment bleiben.

Naturgemäß mit Abstand folgen da die Kollegen. Am nächsten dran bleibt der auch in München gern gebuchte Ludovic Tézier als Amonasro, gefolgt von Ekaterina Sementschuk, eine Amneris aus guter alter russischer Dramatikschule, und Marco Spotti als König. Erwin Schrott stellt als Ramphis seinen grobkörnigen Bassbariton aus und eiert durch die Intonation.

Zum Ereignis wird der Abend durch den Dirigenten. Antonio Pappano begreift die „Aida“ nicht als gravitätisches Alterswerk, sondern als Verdis späten Frühling. Enormen Zug hat das. Verblüffend und aufregend die stufenlose Flexibilität der Tempi. Kein einziger Takt künstelt. Alles ist unerhört dicht, nie routiniert dramatisch. Die Schönheiten der Partitur werden hörbar, aber nicht zum Selbstzweck, das Krasse, Kriegerische serviert die Accademia mit ihrem charakteristischen Bronzeglühen. Man bestaunt die Präzision, auch wenn die Triumphmarsch-Trompeten von oben (mit überraschend warmem Ton) spielen oder die in schmucke Uniformen gewandete Banda der Staatspolizei, die Pappano hinten unter der Decke platziert hat. Dazu singt der Accademia-Chor so prägnant, so durchsichtig, als handle es sich um ein Oratorium. Vereinzelte Standing Ovations schon in der Pause, danach riss es alle von den Sitzen, die Solisten lagen sich auf der Bühne in den Armen. Im Oktober erscheint die CD. Wenn sich da mal nicht die Referenzaufnahme anbahnt.

Markus Thiel

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