Anmut, Disziplin und Präzision

- Am Ende traten die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts ehrfurchtsvoll zurück, gönnten den ganz großen Applaus der Frau, die diesem Münchner Ensemble 1989 die Unabhängigkeit von der Oper erkämpft und es zu Erfolg geführt hat. Und Konstanze Vernon nahm die Ovationen, die Blumen ihres Nachfolgers Ivan Liska, die lobenden Worte von Ex-Kunstminister Hans Zehetmair entgegen mit der großherzigen Geste der Grande Dame des Balletts - die sie spätestens jetzt zu ihrem 65. Geburtstag geworden ist.

Zum festlichen Anlass im Nationaltheater Neumeiers "Nussknacker". Aus gutem Grund: Bei der Münchner Erstaufführung am 8. Mai 1973 war sie ja die Ballerina Louise aus Petipas Meisterklasse. Und Anmut, Disziplin, Präzision sind auch die obersten Leitlinien der Akademie-Professorin und Bosl-Stiftungs-Leiterin Vernon.<BR><BR>Aber just darum kann dieser Abend ihr kaum in allen Punkten gefallen haben, möchten wir vermuten. Sicher: Neumeiers vertracktes Schrittmaterial, sogar für Demi-Solo und Gruppe, verlangt doppelt so viel Technik und Atem wie Ivan Liskas gerade aus der Taufe gehobenes "Dornröschen". Was den Zuschauer wenig kümmert. Man erwartet eine ähnliche, diesem "Nussknacker" angemessene Stil-Harmonie und Präzision. Hier jedoch wirkte das große Ensemble des öfteren abgetanzt, und im Pas de quatre hing den Männern die Müdigkeit schwer in den Beinen. Schon seit längerem wartet der "Pharao"-Pas-de-deux dringend (!) auf subtiles Coaching. So sieht er aus wie korrekte Schwerstarbeit aus der Kontorsionisten-Abteilung. Kein Exotik-Charme, kein schwebender Märchenzauber. Daran hat es auch das Staatsorchester unter Myron Romanul fehlen lassen.<BR><BR>Die Hauptrollen, so ahnt man, gerieten wegen Verletzungen und folglich Last-Minute-Besetzungen ein bisschen ins Schlingern: Bruce McCormick schlug sich immerhin tapfer in dem auf ihn zugeflogenen Drosselmeier-Debüt. Da könnte was draus werden. Jiri Bubenicek, charismatischer Neumeier-Star (wie sein Zwillingsbruder Otto), wunderbar in allen späteren Neumeiers wie "Nijinsky", "Die Möwe" etc., sehen wir - er möge es verzeihen - eher nicht mehr in der doch sehr klassischen Rolle des Kadettenanführers Günther.<BR><BR>Ohne Zweifel ist er ein blendender Partner für Lucia Lacarra, die als Louise ihre brillante Technik mit ihren vornehmsten tänzerischen Qualitäten paart. Und Maria Eichwald, nun bereits Gast aus Stuttgart: federleicht wie stets und zum großen Erstaunen immer noch glaubwürdig als kindliche Nussknacker-Marie. Vorhang zu - und fürs Geburtstagskind der Wunsch, dass das Staatsballett nicht den Glanz verliert, in dem es unter seiner Gründerin zu strahlen begann.<BR><BR>

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