Anmut der Geometrie

- So viel Promi-Glamour aus Politik, Show und Wirtschaft war in München nie - beim Ballett. Alle waren ins Prinzregententheater gekommen, von den illustren Volksmusik & VIP-Moderations-Damen und TV- Gesundheitsberaterinnen bis zu Chirurgen-Koryphäen, BR-Nachrichtengrößen und sogar Ministern, um die imposante Rankenwerk-Ästhetik von 96 zarten Armen und ideal modellierten Beinen des "größten Schwanensees der Welt" zu bestaunen. Es braucht halt nur ein paar saftige Superlative - und schon hat der Tanz das sonst eher sparsame Interesse beziehungsweise Publikum gewonnen.

<P>Zumindest war's diesmal nicht der übliche PR-Schaum für ein minderrangiges Tournee-Unternehmen. Das Tschaikowsky Perm Ballett hat eine in die 20er-Jahre zurückreichende klassische Tradition, die nochmals enormen Auftrieb bekam, als das Leningrader Kirow-Ballett im Zweiten Weltkrieg in die Ural-Stadt Perm, damals in Molotow umbenannt, evakuiert wurde.</P><P>Und hier jetzt ein einnehmendes, sehr junges Ensemble - keine Pensionsanwärter mehr wie zu UdSSR-Zeiten -, gut trainiert, bestens geprobt, attraktiv vor allem mit seinem weiblichen Corps. Wenn diese 48 (sonst 36 oder weniger) schneeweißen Tüllrock-Wesen lebende Gassen und Gitter bilden und wieder in luftige Felder zerflattern, ergibt sich die Paradoxie einer "Anmut geometrischer Präzision". Eine gewisse Widersprüchlichkeit charakterisiert übrigens den gesamten Abend, bei all seiner Qualität, die sich herstellt zwischen Ensemble und mitgehendem Orchester unter Valeriy Platonows. Denn man bekommt hier einerseits zum Teil zaristisch-russisches Ballett in Schritt-Reinkultur: der wunderschöne Freundes-Pas de trois zu Beginn. Auch sonst technisch-tänzerische Juwelen. Und als traditionelle Klassik-Auflockerung die flammend farbig kostümierten Folklore-Tänze zwischen Neapel und Ungarn.</P><P>Andererseits kippt gegen Ende das mit schwarzen Schwänen durchsetzte Schwanen-Corps in eine kunstgewerbliche Sterilität. Und wirken die sittsamen Hof-Ensembles mit viel Geschreite und Kreisgelaufe - von Petipas Original-Choreographie ist da wohl nichts mehr drin - doch ziemlich blässlich verstaubt. Dagegen ist Münchens "Schwanensee" in Ray Barras Fassung ein Wunder an tänzerisch integrierter Fürstenhandlung und dramatischer Atmosphäre. Ballettdirektorin Natalia Akhmarova lässt auf freier Tanzfläche (die Prinze-Bühne bis auf den letzten Millimeter genutzt) und in gleichbleibend hellem Licht die einzelnen Teile des Balletts sich isoliert zelebrieren. Da geht man, zugegeben, vor der Leichtfüßigkeit dieser Tänzer in die Knie: Kein Bums nirgends nach den Sprüngen des herumwirbelnden Hofnarren, kein Spitzenschuhgetrappel der Ballerinen. Allerdings auch kein Drama nirgends.</P><P>Rotbart, ein Unterbeschäftigter, geht beim Happy-End irgendwie einfach ab. Elena Kulagina nimmt jede technische Hürde mit Bombensicherheit, eine fühlende Odette/ Odile ist sie nicht. Und der erst 22-jährige Ivan Popov, gewiss ein Hoffnungsträger des St. Petersburger Kirow-Balletts, kämpft hier als Siegfried doch noch ein bisschen mit der Rolle des schnell dazu gestoßenen Gastes. Mehr Gefühl vielleicht bei anderer Besetzung . . .</P>Bis 22. August; Karten unter Tel. 089/ 54 81 81 81.

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