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„Anna Karenina“ am Münchner Volkstheater: Premierenkritik

München - Warum? Warum nur tut er sich das an? Da findet Frank Abt am Ende ein schönes, berührendes Bild, das es in Lew Tolstojs Roman so nicht gibt:

Der Regisseur lässt Anna Karenina kurz vor ihrem Selbstmord von jenen Männern Abschied nehmen, die ihr Glück und Unglück waren; von ihrem Geliebten Wronski, von ihrem Mann und ihrem Sohn. Dann geht sie von der Bühne in den Zuschauerraum, vom Leben in den Tod.

Die Handlung

Die verheiratete Anna Karenina beginnt eine Affäre mit Graf Wronski, verlässt Mann und Sohn und lebt – gesellschaftlich geächtet – in wilder Ehe mit Wronski. Als sie glaubt, dass Wronski sie nicht mehr liebt, sieht sie im Selbstmord den einzigen Ausweg. Wronski hatte zunächst mit Kitty geflirtet, die deshalb Lewin einen Korb gab. Als Wronski Anna verfällt, nimmt Kitty den neuen Antrag Lewins an. Kittys Schwester Dascha ist mit Stefan verheiratet, einem Schwerenöter – trotz Demütigungen bleibt sie bei ihm.

Doch statt dass Abt der Kraft seines Bildes vertraut und es in Ruhe wirken lässt, lenkt er ab und projiziert auf die schwarze Brandmauer im Bühnenhintergrund überlebensgroß eine Filmsequenz, die so schlecht gemacht ist, dass es jede Video-Gruppe am Ende ihres Volkshochschulkurses besser kann. Das Filmchen zeigt, wie Barbara Romaner, die die Karenina spielt, am Münchner Hauptbahnhof herumspaziert. So einfach ist es also, sich seine eigene Arbeit zu zerstören.

Das ist umso bedauerlicher, weil überzeugende Inszenierungsideen wie jene Abschiedsszene selten sind in dieser etwas mehr als drei Stunden langen „Anna Karenina“, mit der das Münchner Volkstheater am Donnerstag in die neue Spielzeit startete. Frank Abt, der im vergangenen Jahr an selber Stelle Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ in den Sand setzte, hat über weite Strecken keine neuen Aspekte an dem Stoff - Armin Petras hat Tolstojs 1200 Seiten langen Roman für die Bühne adaptiert - entdeckt. Brav und bieder ist seine Inszenierung: vor allem im ersten Teil, unter dessen Last - nicht nur wegen der historischen Kostüme, in die Oliver Helf die Schauspieler gezwängt hat - das achtköpfige Ensemble ächzen muss. Abt gelingt wenig wirklich Eigenes. Zwar arbeitet er die Geschichte ordentlich ab - das macht aus dem Abend jedoch nicht mehr als ein bebildertes Hörbuch. Die Chancen und Möglichkeiten des Theaters nutzt er selten. Und die wichtigste Frage, warum Tolstojs großartiger Roman, der zwischen 1875 und 1877 erstmals in einer Zeitschrift erschien, überhaupt auf die Bühne muss, die beantwortet Abt mit seiner Inszenierung nicht.

Die Besetzung

Regie: Frank Abt.

Bühne, Kostüm und Video: Oliver Helf.

Musik: Torsten Kindermann.

Darsteller: Barbara Romaner (Anna Karenina), Friedrich Mücke (Karenin, ihr Mann), Torsten Kindermann (Stefan, Annas Bruder), Xenia Tiling (Dascha, seine Frau), Kristina Pauls (Kitty, ihre Schwester), Stefan Ruppe (Lewin, Gutsbesitzer aus der Provinz), Robin Sondermann (Wronski, Rittmeister und Graf, Annas Geliebter), Florian Burgkart (Serjosha, gemeinsamer Sohn von Anna und Karenin).

So liegt es an den jungen Schauspielern zu bannen - und dies gelingt immer wieder. Sie spielen nicht nur ihre Rollen, sondern wechseln auch in die Position des Erzählers, der den Fortgang der Handlung schildert und vom Innenleben der Figuren berichtet, oder übernehmen Passagen der anderen: Etwa als Anna ihrem Mann die Affäre mit Wronski beichtet, steht Barbara Romaner stumm auf der Bühne, während Robin Sondermann ihr seine Stimme leiht, und Friedrich Mücke zwischen den beiden wie ein waidwundes Tier hin- und herhetzt.

Es sind vor allem die Männer, die den Abend tragen: Mücke als Karenin und Sondermann, der Wronski spielt, machen die Sache über weite Strecken unter sich aus. Man sieht ihnen gerne zu. Es ist schön, dass Mücke sich traut, seine Figur nicht nur als Technokraten der Macht zu zeigen, ihm vielmehr seine Würde wiedergibt. Sondermann haspelt verliebt, gurrt, flirtet und leidet am Ende wie ein Hund, als seine Beziehung mit Anna Alltag wird.

Doch auch Stefan Ruppe und Torsten Kindermann stützen diese Inszenierung. Ersterer streicht zwar die komische Seite des verstockten und hadernden Lewin heraus, gibt seine Figur aber nie der Lächerlichkeit preis. Kindermann, der zudem klug am Klavier den Abend lenkt, zeigt den Hallodri Stefan auch rührig und menschlich, sodass verständlich wird, warum Dascha nicht von ihm wegkommt. Dagegen bleibt Barbara Romaner als Anna Karenina überraschend reserviert: Diese Frau soll es lieben, Männer verrückt zu machen? Diese Frau soll am Ende, als sie gesellschaftlich geächtet ist und sich von ihrem Liebhaber verlassen glaubt, als einzigen Ausweg den Selbstmord sehen? Mit Verlaub, aber dazu ist diese Karenina viel zu selbstbewusst - und wirkt letztlich seltsam unbeteiligt.

Kristina Pauls und Xenia Tiling können ihren Figuren neue, bedenkenswerte Facetten abgewinnen: Pauls zeigt Kitty nicht nur als naives Nesthäkchen, sondern keck und impulsiv. Schön gelingt ihr mit Ruppe das Liebesrätsel, in dem sich Kitty und Lewin nur mit den Anfangsbuchstaben der Worte unterhalten - und Dascha übersetzt. Tiling hütet sich davor, diese Frau, deren Schönheit vergangen ist und die von ihrem Mann betrogen und ausgenommen wird, nur als erduldendes Opfer zu zeigen. Nein, ihre Dascha hat Selbstwertgefühl, Feuer in der Seele, und Gründe, trotz allem bei ihrem Mann zu bleiben.

Die Schauspieler bieten Frank Abt also durchaus einige gute Ansatzpunkte. Schade, dass der Regisseur so wenig damit anfangen konnte.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 2., 3., 9., 10. Oktober; Telefon 089/ 52 34 655.

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