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Anna Maria Sturm sagt über ihre Rückkehr auf die Theaterbühne: „Das war wie eine Wiedergeburt.“ An den Münchner Kammerspielen ist sie als schöne Helena in „Atropa“ zu sehen. Heute Abend hat Marieluise Fleißers Stück über Jugendliche, „Fegefeuer in Ingolstadt“ Premiere. Sturm spielt die Clementine (Regie: Susanne Kennedy).

Porträt zur Kammerspiele-Premiere

Anna Maria Sturm in „Fegefeuer in Ingolstadt“

München - Ein Bus hält auf der Landstraße. Ein Mädchen, gerade 18, dunkelblondes, dicht gewelltes Haar, steigt aus. Sie wirft ihre Koffer von sich. Zögert.

Läuft dann die Straße zurück, ihren beiden Freunden entgegen, die sie ohnehin nicht gehen lassen wollten. Hinter ihr fährt der Bus gen Flughafen, Amerika ist futsch. Der Ruf der Heimat – einfach zu stark. Seit Anna Maria Sturm 2007 die Hauptrolle in Marcus H. Rosenmüllers Film „Beste Zeit“ gespielt hat, ist sie für viele der Prototyp des Mädchens vom Land. Wer an sie denkt, denkt den  Duft  von  Stroh und Traktordiesel gleich mit. Sie weiß  das, sagt: „Ich freue mich, wenn die Leute diesen Film kennen.“ Aber sie sagt auch: „Ich lasse mich nicht festlegen.“

Sturm ist 30 Jahre alt, wirkt aber eher wie jenes Mädchen. Sie trägt keine Schminke, die Haare fallen offen über leicht rote Wangen. Gerät sie ins Reden, kommt der gebürtigen Regensburgerin ab und an eine oberpfälzische Vokabel unter. Und wenn ihr eine Frage seltsam vorkommt, kann sie bissig sein. „Ist Heimat auch Kitsch für Sie?“ – „Was, nein, wieso?“ Vorn auf ihrem grauen Pulli prangt der Kopf eines Schäferhunds. Dennoch kommt Sturm nicht ganz heraus aus dieser Heimat-Nummer. Bevor sie vom Tod erzählt, hier, bei einem Jasmin-Tee in einem Münchner Café, erzählt sie von ihrem ersten Vorsprechen an einer Schauspielschule in Berlin. Sie: „Irgendwie doch ein Landkind.“ Die Stadt: „Hat mich abgeschreckt.“ Die Leute, das Leben dort – „einfach krass“. Heute lebt sie in Berlin.

Der Schritt heraus aus ihrer Heimatstadt Schwandorf hat gedauert. „Ich hatte eine glückliche Kindheit dort“, so Sturm. Und eine unfreiwillig engagierte. Ihre Mutter, Irene Maria Sturm, war Aktivistin gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Anna Maria, gerade drei Jahre alt, war bei den Demos dabei. Es gibt ein Video. Die Mutter beim Interview an einem Bauzaun, sie und ihre Schwester dahinter in T-Shirts. Sturm erinnert sich an vieles. Die Protestler, ihre Aktionen. „Die Energie, die da war, prägt einen schon.“ Energie ist überhaupt ein wichtiges Wort für die Schauspielerin. Wenn sie es gebraucht, beugt sie sich leicht vor und ballt ihre rechte Hand. „Der Rosi“, erklärt sie und meint den Regisseur Rosenmüller, „der hat so ’ne Riesenenergie“.

Auch die Kammerspiel-Produktion „Fegefeuer in Ingolstadt“, die heute Premiere hat: Energie. „Ich will mich losmachen von Klischees“, sagt Anna Maria Sturm. Von dem des Natur-Mädchens zum Beispiel. Darum spielte sie das Vergewaltigungsopfer im Münchner Tatort „Nie wieder frei sein“. Darum ist die Rolle als Ermittlerin im „Polizeiruf 110“ so wichtig. Hier ist sie zwar wiederum das Landkind – aber konfrontiert mit Bombenanschlägen und Geiselnahmen. Sturm spielt sich hinaus aus den modernen Heimat-Geschichten, die sie mag, nur nicht als Stempel auf ihrem Portfolio. Es gibt einen, der ihr dabei hilft: ein Dichter, ein Anti-Heimat-Dichter. Thomas Bernhard. Als sein Name fällt, reißt es Sturms Mundwinkel nach oben. Die Energie-Faust wirbelt abrupt vor ihrem Gesicht umher. „Diese Sprache, dieser Kopf, diese Intelligenz.“ Das alles half ihr, 2009, nach dem Umzug nach Berlin. „Da war ich leer, kein Elan mehr, nichts.“ Dann kamen Bernhard und seine Lyrik über den Tod. Sturm legt ihr Gesicht in beide Hände, die Haare fallen über ihr leeres Teeglas. Dann murmelt sie einige Zeilen: „Der Mond, dicht und schwer...“ Es ist das Einleitungszitat zum Gedichtband „In Hora Mortis“. Sie kann jeden Text auswendig.

Die zweite Seite der Anna Maria Sturm ist also eine existenzielle. Auch an den Münchner Kammerspielen will sie sie zeigen. Für sie ist es eine Rückkehr. Schon während ihrer Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule spielte sie hier. 2010 kam sie erneut zurück, nach einer langen theaterlosen Phase. „Das war wie eine Wiedergeburt“, betont sie und hebt die Hände vor sich. Jetzt also Marieluise Fleißers Schauspiel „Fegefeuer in Ingolstadt“. Sturm spielt Clementine, die Schwester der schwangeren Olga. Das Stück, sagt Sturm dann, blicke ins Seelenleben junger Menschen. „Ich sehe das ja an mir, wie man immer auf sich selbst kuckt und nicht aus seiner Haut kann.“

Marcus Mäckler

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