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Im Wettkampf um das schauerlichste CD-Cover hat Anna Netrebko mit ihrem aktuellen Album die Kollegin Cecilia Bartoli spielend entthront.

Neuerscheinung

"Verismo": Zurück ins Schönklangbett

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München - Vor dem Hintergrund ihrer jüngsten grandiosen Live-Auftritte enttäuscht Anna Netrebko mit ihrem „Verismo“-Album. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Das Rätselspiel mit dem Cover sollte man schnell sein lassen. Turandot, die sich als Luzifer verkleidet hat und dabei dummerweise in einen Flammenwerfer geraten ist? Was dies mit dem CD-Titel „Verismo“ zu tun hat, mit jener zum hochemotionalen bis drastischen Realismus drängenden Spielart der italienischen Oper, das erschließt sich wohl nur dem Management und der Diva selbst. Trotz des Ästhetik-Unfalls: Mit Puccini & Co. ist Anna Netrebko auf dem goldrichtigen Weg. Ohnehin waren die Zwitscherpartien des Belcanto, bei denen sich die Wahl-Wienerin brav bis bemüht an den kleinen Noten entlang gesungen hat, nie ihre Domäne. So groß, so raumgreifend wie ihre Stimme geworden ist, braucht sie etwas anderes: kalorienreicheres Vokalfutter. Und offenbar auch die Live-Situation.

Wer die jüngsten Auftritte der Netrebko erlebt hat, ihre teilweise (und so sympathisch) überartikulierte Elsa in Dresden oder vor einigen Tagen die konzertante „Manon Lescaut“ in Salzburg, bei der sie offensiv, fast nuancierungswütig auftrat, der ist von diesem Studio-Album enttäuscht. Die Netrebko lässt sich in alte Zeiten zurückfallen. In ein monochromes Schönklangbett, aus dem sie sich kaum mehr erhebt. Ein Mega-Star lädt zur Kuschelstunde – und das bei Frauenpartien am Rande von Existenz und Leben.

Dennoch gibt es einiges zu bestaunen. Sogar in Extremmomenten wie dem Turandot-Monolog hört man eine in allen Lagen durchgebildete, abgesicherte und nie überreizte Stimme. Als Madame Butterfly holt die Netrebko immer wieder Phrasen in eine entspannte Mezzavoce zurück, eine ähnliche musterhafte Dynamikkontrolle ist auch in Toscas „Vissi d’arte“ zu hören. Die immense stimmliche Substanz, der stets gerundete, wie mit einem Samt-Passepartout umfasste Ton, all das sorgt dafür, dass nichts stählern oder verhärtet klingt. Anna Netrebko, und das ist eben die hohe Schule der Stimmentwicklung, singt nie über Fach, sondern immer mit Spielraum. Diese Verismo-Frauen (auch wenn der Begriff bei näherer Betrachtung nicht auf alle zutrifft) kommen demnach wirklich genau zur rechten Zeit. Jetzt allerdings, und das ist das Ergebnis dieser CD, müsste die Netrebko aus ihrem Potenzial nur noch etwas machen.

In Ansätzen passiert das – ausgerechnet – bei der lyrischsten Nummer des Albums, bei der Nedda-Arie aus dem "Bajazzo". Endlich, so atmet man auf, wagt sich die 44-Jährige aus der Deckung. Interpretation erschöpft sich ansonsten gern im übermäßigen Gebrauch von Portamenti. Jene aus der Vokalsteinzeit stammende Angewohnheit ist das, Töne anzuschleifen oder durch Glissandi zu verbinden, die Netrebko treibt das bis ins Enervierende. Warum ihr das von Dirigent und Muster-Stilist Antonio Pappano nicht ausgetrieben wurde? Womöglich ist der Mann einfach zu höflich. Mit der Accademia di Santa Cecilia führt Pappano vor, wie man dem Verismo begegnet – nicht nur mit Dramatik, sondern auch mit Subtilität, mit klanglichen Extra-Ebenen. Besser lässt sich die orchestrale Ausstattung eines Arien-Recitals nicht denken.

Wobei Arien: Alles steuert zu auf den kompletten vierten Akt von „Manon Lescaut“. So schön und weichgespült wie hier wurde selten gestorben. Anna Netrebko begreift sich da eher in der Nachfolge von Kiri Te Kanawa und Renée Fleming als von dramatisch gelaunten Kolleginnen. Wie schon bei den drei konzertanten Salzburger Festspiel-Abenden, die als Live-PR zur Silberscheibe dienten, ist auch Yusif Eyvazov dabei. Die Tontechniker haben die holzige Emphase des Netrebko-Ehemanns wohltuend heruntergepegelt, das Niveaugefälle bleibt trotzdem eklatant.

Eyvazov mag ein wackererer Kämpfer sein, den kleine bis mittlere Opernhäuser gern ihre Canios oder Calafs anvertrauen dürften, auf First-Class- bis Festspielebene wirken seine Engagements eher bizarr. Die Netrebkos also nur noch im Doppelpack? Auch in München übrigens, wenn die Diva im Dezember erneut als Lady Macbeth zu erleben ist, steht Eyvazov auf der Bühne. Aber das ist eine andere, womöglich viel folgenschwerere Geschichte.

Anna Netrebko:

„Verismo“.

Coro e Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Antonio Pappano (Deutsche Grammophon); die CD erscheint am kommenden Freitag.

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