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Szenen einer Ehe: Anna Netrebko mit Yusif Eyvazov und Dirigent Marco Armiliato.

„ADRIANA LECOUVREUR“ BEI DEN FESTSPIELEN

Anna Netrebko in Salzburg: Die Steinheilige

Einmal pro Jahr hält sie bei den Salzburger Festspielen Hof. Dieses Mal zelebriert Anna Netrebko die Adriana Lecouvreur.

Salzburg - Vielleicht ist das sogar die ehrlichere Variante. In einer Zeit, in der Stars für Opernproduktionen maximal zwei Probenwochen zur Verfügung stehen, weil sie sonst andernorts Lukratives verpassen, kann das Szenische auch gleich weg. Wobei: 140 000 Mini-Kristalle einer österreichischen Edel-Firma, eingewebt in drei Roben (Nixengrün, Rot-Ton-Explosion mit Blätter-Applikationen, changierendes Trauerschwarz), die mit Dauerwallen und Laufsteg-Wandeln nebst passend geschmerzter Mimik vorgeführt werden, das geht locker als Gala-verträgliche Regie durch.

In Salzburg reicht das erst recht, wir sind schließlich beim jährlichen Festspiel-Termin mit Anna Netrebko. Die Titelrolle von Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ hat sie vor zwei Jahren in St. Petersburg ihrem Portfolio hinzugefügt und unter anderem an der New Yorker Met und an der Wiener Staatsoper verfeinert, sie könnte ihre Signetpartie werden.

Im Großen Festspielhaus, dreimal Schauplatz dieser konzertanten Version, erlebt man warum: nicht nur, weil in dieser Divengeschichte à la „Tosca“ immer auch die Interpretin selbst durchscheint, sondern auch weil diese üppige, fruchtig aufblühende, mühelos pegelbare Sopranstimme ideal zu Cileas noblem Verismo passt.

Die Netrebko spielt mit der Partie, und es macht ihr Spaß. Die große, von einer Inszenierung nicht gebremste Geste, das Pathos, das Zelebrieren von Emotion, aber auch die zartbittere Empfindsamkeit, die jenseitswehen Pianissimi, die musterhaft kontrollierten Tonschweller, all dem hört man nur zu gern zu. Um sich mit Schaudern an vergangene Zeiten zu erinnern, als Anna Netrebko meinte, sie müsse sich mit den Zwitscher- und Slalompartien des Belcanto quälen. Nächster Schritt ist folgerichtig (und im kommenden Januar als Rollendebüt in München!) Puccinis „Turandot“.

Tenor-Mitbringsel und Kampf-Mezzo

Cileas Adriana-Drama um eine Künstlerin und ihre Nebenbuhlerin, die sich auch an den schönen Herzog von Sachsen heranmacht, bietet zweieinhalb Stunden vokal dankbare Schaufensterware inklusive Giftmord an der Heldin. Man kann das feinsinniger, differenzierter dirigieren als Marco Armiliato, der immer dann geholt wird, wenn’s einen tüchtigen Italianità-Kapellmeister braucht – das Salzburger Mozarteumorchester hat man schon anders gehört, vor allem leiser.

Yusif Eyvazov, ständiges, weil liiertes Tenor-Mitbringsel der Netrebko, hat da teilweise das Nachsehen. Wobei er sich wacker und unerschrocken schlägt. Eleganz und Grandezza sind seine Sache noch immer nicht. Und dass man bei seinem Timbre eher an Herbstlaub als an frisches Grün denkt, bleibt ein Problem. Im Primadonnen-Duell dieses Abends wird der Mann ohnehin zerrieben, ebenso wie der herzangreifend sympathische Nicola Alaimo als Michonnet. Anita Rachvelishvili ist als Principessa di Bouillon nämlich in Kampfmezzo-Laune. Ungeniert lässt sie die naturgewaltige Stimme auch mal in den Damen-Bass abstürzen, die Spitzentöne fegen wie ein Sommergewitter durchs Haus. Ein Ereignis, so spektakulär wie singulär. Ein paar Tage sind die heurigen Festspiele erst alt, dieser Dezibelrekord lässt sich wohl nicht mehr brechen.

Weitere Vorstellungen:
31. Juli und 3. August; Telefon 0043/662/8045-500.

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