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Anna Netrebko zusammen mit Jonas Kaufmann auf der Bühne.

„Gipfeltreffen der Stars“

Anna Netrebko verzaubert 12.000 Fans am ausverkauften Königsplatz

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München - Anna Netrebko stellte am Samstagabend auf dem ausverkauften Münchner Königsplatz wieder einmal ihre Sonderklasse unter Beweis. 12.000 Fans ließen sich das „Gipfeltreffen der Stars“ nicht entgehen.

Opernstar Anna Netrebko verzaubert den Königsplatz

Opernstar Anna Netrebko verzaubert den Königsplatz

Die ganz Pessimistischen brauchen ja keinen Dresscode. Plastikpelerine also schon vor Beginn, obwohl die Sonne durch die Propyläen blendet und auch später nur ein herbstlicher Wind die Sommernacht stört. Andere machen sich dafür von innen nass. Mit Caipi aus Plastikgläsern vom Bauchladenmann oder mit Schampus aus dem Versorgungszelt. Was so weit geht, dass (nicht nur) der Gesprächspegel steigt, etwa in Block A3, Reihe 2, bei einer schwer beklunkerten Dame. Überhaupt scheint das ein Unterschied zwischen den 88- und den 319-Euro-Plätzen: Geratscht wird vorn, ergriffen genossen hinten. Und manch Smartphone-Knipser, so darf vermutet werden, hat Anna Netrebko und Jonas Kaufmann ohnehin nur auf seinem Mini-Bildschirm verfolgt.

12.000 Fans lauschen Anna Netrebko

Rund 12000 Fans auf dem fast ausverkauften Königsplatz, über den am Seil die ZDF-Kameradrohne saust, vorn, auf der in wechselndes Bonbonlicht getauchten Bühne, die PR-Schwergewichte der Opernszene – ein Event nennt man wohl so was, obwohl sich das „Gipfeltreffen der Stars“ über weite Strecken kaum danach anhört. Nicht weil Anna, Jonas, Thomas (Hampson) & Co. dürftig bei Stimme und Laune gewesen wären, ganz im Gegenteil. Aber statt Humtata gibt’s auch ungewöhnlich ambitionierte Kost. Kaufmann bekräftigt wieder, nach seinem Rollendebüt in Rom vor einigen Monaten, wie ihm Verdis Radames liegt, schließt die Arie mit falsettiertem Spitzenton ab. Die Netrebko wagt sich erfolgreich auf neue Aida-Gefilde mit der so heiklen Nil-Szene. Und Hampson riskiert das krasse Gegenteil von Gefälligem, mit dem rabenschwarzen Gebet des Jago aus Verdis „Otello“.

Letzterem, für den schwer kranken Dmitri Hvorostovsky eingesprungen, liegt solch Spektakel offenbar am besten. Mit durchgedrücktem Conférencier-Rücken, minimalen Gesten und umso größerer Ausstrahlung beherrscht Hampson Bühne und Platz, bringt – auch als Gounods Valentin – die ausgefeilteste Gestaltungskultur. Der Tenorkollege übernimmt dafür in seiner Heimatstadt die Rolle des Primus inter pares: Kaufmann begrüßt die Masse, erinnert an Hvorostovsky und darf das offizielle Programm beenden mit dem Selbstläufer-Reißer: „Nessun dorma“ ist immer Garant für Gänsehaut und Ovationen, erst recht, wenn die Nummer so prachtvoll und mit lang ausgekostetem „Vincääääääro!“ zwischen die Griechentempel gestellt wird. Ganz Gentleman fängt der Münchner auch am Ende des „Bohème“-Duetts den abgerissenen Spitzenton der Kollegin mit einem Kuss auf: Dass nicht alles hundertprozentig gelingt, dass sich etwa die Netrebko als Aida mal kurz in der Intonation verirrt, dass auch Mezzosopranistin Elena Zhidkova ihre Eboli-Arie stellenweise versteifen lässt – geschenkt.

Auf dem Plakat ist der Name kleiner geschrieben. Doch Ildar Abdrazakov, Bassist aus Russland, singt locker auf Augenhöhe. Vor allem ist seine Verleumdungsarie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ der Stimmungsknotenlöser: späte Bravi an einem Abend, dessen Nummern vorher arg geschwind abgespult werden (Wetterangst?). Erhebliche Unterschiede gibt es übrigens beim Höreindruck. Hinten ist das Klangbild seltsam körper- und zahnlos, dabei gern vom Wind verschoben, vorn wirken die Stimmen wesentlich besser eingebettet ins Orchester. Wobei man manches lieber nicht so genau gehört hätte: Die Janáček Philharmonie Ostrava unter dem lebhaften Claudio Vandelli bietet im Blech Anfechtbares und im Streicherapparat Verwaschenes, fängt sich aber im Laufe des Abends.

Alle Schranken fallen (endlich), als der halbstündige Zugabenblock erreicht ist. Abdrazakov liefert das mutmaßlich tiefste „Granada“ der Aufführungshistorie, die Netrebko singt sich mit „Heia“ und Bizarrdeutsch in die Berge der „Csárdasfürstin“, Hampson gibt in Cole Porters „Begin the Beguine“ den lässigen Crooner, Kaufmann in „Dein ist mein ganzes Herz“ den unwiderstehlichen Weltumarmer. Zu den jeweiligen Instrumentalzwischenspielen schwoofen die Kollegen herein. Ein gemeinsames „Tonight“ aus der „West Side Story“ reißt die 12000 von den Plastiksitzen. „When you dream, dream of us.“ Nichts leichter als das.

Markus Thiel

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