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Scheckübergabe: Opernstar Anna Netrebko mit dem pro-russischen Separatistenführer Oleg Zarjow.

Reaktion auf Treffen mit Separatistenführer

Netrebko: Ex-Werbepartner meldet sich zu Wort

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St. Petersburg - Im Internet hat es heftige Reaktionen auf Anna Netrebkos Foto mit einem Separatistenführer aus der Ukraine gegeben. Aus Künstlerkreisen war jedoch bislang kaum Kritik zu vermelden.

Es ist einer jener Tage, an denen das Internet glüht. Erst recht die Facebook-Seite von Anna Netrebko, auf der im Minutentakt die Kommentare einlaufen. Von „Gefährdung der Karriere“ schreiben die Vorsichtigen, Worte wie „Schämen Sie sich!“ „Abschaum“ oder „widerlich“ sind allerdings keine Seltenheit.

Wie am Dienstag berichtet, hat die Operndiva Oleg Zarjow, dem pro-russischen Separatistenführer der Ostukraine, einen Scheck in Höhe von einer Million Rubel übergeben. Die umgerechnet 15.000 Euro seien bestimmt für das Theater der Stadt Donezk, sagte Netrebko beim Fototermin in St. Petersburg – und ließ sich mit der „neurussischen“ Fahne der höchst umstrittenen Aktivisten ablichten.

Das Außenministerium von Anna Netrebkos neuer Heimat Österreich, deren Staatsbürgerin sie seit einiger Zeit ist, hat mit Kritik auf den Vorgang reagiert. „Sich mit einem ostukrainischen Separatisten und seiner Fahne fotografieren zu lassen, ist problematisch“, teilte ein Ministeriumssprecher mit. „Dass derartige Fotos umgehend für Propagandazwecke missbraucht werden, ist klar.“

Ex-Werbepartner Austrian Airlines distanziert sich

Und die österreichische Fluggesellschaft Austrian Airlines twitterte: „Wir distanzieren uns klar von extremen politischen Positionen und der Anwendung bewaffneter Gewalt.“ Anna Netrebko war bis Ende November Werbepartner der Fluglinie. Der Vertrag sei jedoch wie geplant ausgelaufen. Dies habe nichts mit der gegenwärtigen Diskussion zu tun, stellte das Unternehmen klar.

Auffallend ist, dass aus Künstlerkreisen bislang kaum Kritik zu vernehmen war. Während im Falle des Dirigenten Valery Gergiev, eines Unterstützers des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Gerüchte von Vertragsauflösungen bei Gastspielen die Runde machen, wurde in Sachen Anna Netrebko noch nichts dergleichen gemeldet.

Der Terminkalender der Diva ist voll. Am 17. Dezember tritt sie in Barcelona auf, am 20. und 22. Dezember in Rom und am 28. Dezember in Dresden beim Silvesterkonzert mit Christian Thielemann. Gut möglich, dass sich an diesen Orten auch Proteste formieren – bei Auftritten von Valery Gergiev in London und New York ist solches schon passiert.

Viele vermuten nun, der jüngste Auftritt mit dem Separatistenführer werde Anna Netrebkos Karriere schaden. Immerhin liegen die meisten Säle und Opernhäuser in Ländern, die Putin gegenüber äußerst kritisch eingestellt sind und/oder die Annexion der Krim nicht anerkennen.

Die Sopranistin selbst gibt sich unterdessen unpolitisch. Der Krieg und die Feindschaft zwischen Ukrainern und Russen seien ihr „unverständlich“.

In ihrer Heimat lebten Vertreter beider Völker schließlich seit Jahrhunderten friedlich miteinander. „Ich denke, der Krieg sollte aufhören – je schneller, desto besser. Aber das ist schon Politik, darauf gehe ich nicht ein.“ Mit bissiger Ironie reagierte die Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“ in einem Kommentar: „Gut gemacht Anna, hoffen wir, dass Du deswegen nicht mit westlichen Sanktionen belegt wirst.“

Markus Thiel

KOMMENTAR 

Was eine Diva so denkt

Gleich vorweg: Sie darf das. Genauso wie Gidon Kremer gegen Wladimir Putin Stellung bezieht und Wolf Biermann im Reichstag gegen die Linke stichelt, so darf auch Anna Netrebko für die Oper in Donezk spenden und sich mit einem pro-russischen Separatistenführer fotografieren lassen. Kunst hat nie im luftleeren Raum existiert. Wenn man Wilhelm Furtwängler also immer angekreidet hat, er habe zum NS-System geschwiegen, muss man jetzt einer Sängerin zugestehen, dass sie politisch wird. Die Frage ist: War es klug? Dies eher nicht. Naiv, um es vorsichtig auszudrücken. Dass die Netrebko mit Putin sympathisiert, ist schon länger bekannt. Dass sie ihr Foto mit dem Hinweis verteidigt, sie wolle doch nur den notleidenden Kollegen in der Ost-Ukraine helfen, ist dagegen bizarr bis feige: Wenn es nur darum ginge, bräuchte man keine „neurussische“ Flagge im Vordergrund. Ergebnis dieser „Affäre“: Man weiß nun mehr über die Diva und ihr Denken. Und das ist vielsagend bei ihr, die sich in der täglichen Opernarbeit mit Themen wie Menschlichkeit und Toleranz auseinandersetzen müsste. Gerade ist ihre CD mit Daniel Barenboim erschienen. Sie sollte sich mal länger mit diesem Humanisten unterhalten.

Markus Thiel

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