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Sopranistin Anna Prohaska: „Ich könnte auf keinen Fall eine Opernfachidiotin sein.“

Anna Prohaska über ihre schnelle Karriere, Künstler-Eltern und Lebensentwürfe

München - „Irre" findet sie, dass sie sich manchmal entscheiden muss, ob sie nun ein Konzert mit Daniel Barenboim oder Claudio Abbado zusagen soll. Sopranistin Anna Prohaska genießt ihren Karriere-Steilflug - ohne die abgehobene Jung-Diva zu geben.

Die 28-jährige Tochter einer Sängerin und eines Regisseurs wurde in Wien geboren und ist Ensemblemitglied der Deutschen Staatsoper Berlin. Gerade hat sie ihre erste Solo-CD mit Liedern herausgebracht, am 16. Juli singt sie beim Klassik-Open-Air auf dem Münchner Odeonsplatz.

Was ist schlimmer? Liederabend oder Oper?

Liederabend, weil alles auf einem lastet und man eine Leistung nach der anderen erbringen muss. In der Oper kann ich ja zwischendurch von der Bühne oder mich auf die Kollegen verlassen. Mal sehen, wie das bei Mozarts „Figaro“-Susanna im nächsten Jahr wird. Eine Traumrolle. Aber man ist ständig am Singen... Obwohl: Als Poppea in Händels „Agrippina“ hatte ich gerade neun Arien und fünf Kilometer Rezitative, da war ich ja schon auf der Langstrecke.

Bislang verläuft ihre noch kurze Karriere wahnsinnig steil. Wird’s einem da schwindlig?

Nö. Solange die Rollen passen und die Stimme nicht geschädigt wird, ist es in Ordnung. Bislang habe ich, so glaube ich, die Sachen sehr gut ausgewählt. Natürlich verschmilzt im Künstlerleben Beruf und Privates. Aber wenn ich nur im behüteten Kämmerchen aufgewachsen wäre, könnte ich mich in meine Rollen auch nicht hineinversetzen. Ich glaube also nicht, dass ich privat irgendetwas verpasst habe.

Sie stammen aus einer Künstlerfamilie. Wie wurde Ihnen der Sängerberuf da vermittelt?

Naja, meine Eltern sind schon sehr leidenschaftliche Musiker. Ein typischer Abend im Ferienhaus der Prohaskas sieht so aus, dass wir bis nachts um drei alte Sänger-Aufnahmen hören. Da gibt es drei, vier Lieblingsaufnahmen, die rauf- und runtergespielt werden. Dabei wird natürlich auch Wein konsumiert... (Lacht.) Und alle singen mit. Total schlimm. Vor allem mein Vater, der hat so eine laute Stimme... Ich frage meine Eltern oft um Rat wegen neuer Rollen, da sind die schon sehr pragmatisch. Sie haben mich immer machen lassen. Erst, wenn etwas ins Strudeln geriet, griffen sie ein. Und wenn ich mal jammere, sind beide grandios darin, mich wieder auf den Boden zu holen. Nach dem Motto: „Was du schon alles erreicht hast! Halt mal die Klappe, kuck’ nen Film, dann geht’s dir wieder besser.“

Gab es also nie einen Punkt, an dem Sie sich sagten: Es war doch nicht das Richtige?

Das dauert immer nur fünf Minuten, und dann meist vor dem Auftritt. Wenn ich mir denke: „Oh Gott, wäre ich doch Sekretärin geworden!“ Und später wird mir klar: Ich habe ein Wahnsinnsglück, dass ich das machen darf. Ich weiß natürlich, auch bedingt durch meine Familie, dass dies ein Beruf ist, der eng mit dem Körper verknüpft ist und den man nicht ewig ausüben kann. Abgesehen von solchen Ausnahmen wie Hans Hotter und Martha Mödl.

Aber wie weit ist man dann in diesem Beruf eingeengt? Worauf müssen Sie verzichten?

Also, ich habe ja noch keine Familie gegründet. Ich weiß nicht, wie das sein wird. Und erst dann muss man sich dementsprechende Gedanken machen. Gerade angesichts der unregelmäßigen Arbeitszeiten im Theater-Business, die für mich jetzt kein Problem sind und die immerhin ja auch eine größere Flexibilität als Bürozeiten erlauben.

Sie sind mit zehn Jahren von Wien nach Berlin gezogen. Ein Kulturschock?

Ein bisschen. Diese süßliche Höflichkeit der Wiener unterscheidet sich schon sehr von der harten Ehrlichkeit der Berliner. Manchmal kommt man da ins Lokal und hat das Gefühl, man muss sich dafür entschuldigen. Aber beides hat seine Vor- und Nachteile. Gerade auf dem Spielplatz oder in der Schule waren die Kids in Berlin brutaler. Alle denken, Charlottenburg sei ein großbürgerliches Idyll. Von wegen. Da hatte ich meine erste Schulprügelei, während wir in Wien so altklug rumphilosophiert haben.

Sagen Sie sich jetzt: Berlin ist meine Stadt?

Jetzt auf jeden Fall. Und auch später, ohne festes Engagement, würde ich gern nicht nur einen Koffer, sondern eine Wohnung in Berlin haben wollen. Es ist eine spontane Stadt, es gibt eine riesige Subkulturszene. Ich nutze das auch, gehe in viele Konzerte - und kann da gern auf Gesang verzichten. Ich könnte auf keinen Fall eine Opernfachidiotin sein. Das wäre mir zu langweilig.

Also eventuell mal ein anderer Beruf?

Warum nicht? Vielleicht Konzertdramaturgie oder so. Oder Dinge in verrückten Räumen machen, im Team mit Architekten zusammenarbeiten. Und wie alle Klassikfans dirigiere ich gern mal zu Platten. Aber für diesen Beruf fehlt mir der Hintergrund total. Vielleicht auch das Durchsetzungsvermögen. Da bin ich zu lieb.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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