Für die Annalen

- "Meine beste Arbeit" nannte er es selbst - und wäre sicher frustriert darüber gewesen, dass seinen einstigen Hit später kaum einer mehr hören mochte. An Robert Schumann selbst lag das gewiss nicht, dem mit "Das Paradies und die Peri" wirklich ein kleines Oratorienwunder gelang.

Nur: Es muss eben jemand am Pult stehen, der Auge und Ohr für den Reichtum dieser Partitur hat, für jene Instrumentationsschätze, die sich nicht - etwa wie bei Strauss und Berlioz - fast aufdrängen, sondern sich nur bei behutsamer Behandlung offenbaren.

Es muss also einer kommen wie Nikolaus Harnoncourt. Denn der formte in wenigen Tagen aus Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks ein Ensemble, das im Herkulessaal so agierte, sich Werk und Dirigent so hingab, als arbeite es schon Jahre mit dem Großmeister der Aufführungspraxis zusammen. Aber was heißt Großmeister: Harnoncourts Stärke ist es ja, dass er nichts inszeniert oder Klischees bedient, sondern sich mit bescheidener Genauigkeit hinter die Musik stellt, ihr Raum zum Atmen und Ausschwingen, Federn und Pulsieren gibt.

Die Zutaten des Werks um einen gefallenen Engel, der Einlass ins Paradies begehrt, waren schnell auszumachen: der intime, liedhafte Gestus, der tänzerische Grundpuls, überhaupt die Verankerung im Volkstum. Erstaunlich, dass dieses Orchester - sonst kompakter, süffiger Klanglichkeit nicht abgeneigt - nun völlig druckfreies Espressivo bei sparsamstem Einsatz von Vibrato demonstriert. Zumal Harnoncourt, hier Celibidache nicht unähnlich, Musik aus völliger Entspannung und Balance zu entwickeln pflegt.

Nie, selbst nicht in der Schlussfuge des ersten Teils, geriet man ins Kraftmeiern. Jeder Takt schien auf das Davor und Danach befragt. Betörende Momente gelangen dabei: subtile musikalische Kulissen- und Lichtwechsel wurden hörbar, auch eine schmiegsame, stets an der Vokallinie orientierte Phrasierung. Denn Schumanns Eigenart ist ja gerade die Gleichzeitigkeit verschiedener Verläufe. Wird das realisiert, öffnet sich dem Hörer eine staunenswerte Welt.

Tief berührendes Konzert

Dorothea Röschmann, anfangs eine Spur zu opernhaft, gab die Peri mit dunkler, nuancenreicher Emphase. Der hervorragende Christoph Strehl sang seine Tenor-Soli wie orchestrierte Schubert-Lieder. Mit Malin Hartelius (Sopran), Rebecca Martin und Bernarda Fink (Mezzo), Werner Güra (Tenor), vor allem mit dem sehr linear, klug und makellos gestaltenden Christian Gerhaher (Bariton) konnte Harnoncourt auf weitere exzellente Solisten vertrauen.

Am Ende Ovationen, nachdem das Publikum wie atemlos gelauscht hatte. Einen Auftakt zu einer längeren Zusammenarbeit, so hofft man bei Chor und Orchester, sollte Harnoncourts tief berührendes BR-Debüt mit Schumann sein. Ein Konzert für die Annalen war's allemal.

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