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Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter über das Hasenbergl-Projekt

München - Als Musikerin ist sie ein Weltstar – und als sozial Engagierte ein Vorbild. Anne-Sophie Mutter unterstützt über ihre Stiftung seit Jahren den künstlerischen Nachwuchs.

Nun gibt die 48-Jährige mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Benefizkonzert. Der Erlös geht an das Projekt „Lichtblick Hasenbergl“, das Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien betreut. Am 11. Februar, 21 Uhr, spielt sie im Münchner Gasteig Dvoráks Violinkonzert, dazu gibt es Brahms’ zweite Symphonie.

Allein 2011 gaben Sie sechs Benefizkonzerte, dazu kommen die Stiftungsaktivitäten. Wann und warum haben Sie sich irgendwann gesagt: „Musikmachen allein kann’s doch nicht gewesen sein“?

Ich glaube, Auslöser waren Platten, die wir daheim immer gehört haben: Menuhin und Furtwängler mit dem Beethoven- und dem Mendelssohn-Violinkonzert. Schon sehr früh war ich mir der großen gesellschaftlichen Wirkung Menuhins bewusst, etwa bei seinem ersten Konzert nach dem Krieg in Deutschland. Diese Geste des Versöhnens faszinierte mich. Es ging also nicht nur um „Toll, wie fingerfertig spielt da jemand“, sondern um viel mehr. Anfang zwanzig habe ich dann meine erste Stiftung gegründet. Und diese Aktivität hat sich schließlich international ausgeweitet.

Ihren Stipendiaten sagen Sie, sie müssten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein...

Musikmachen ist ein gemeinschaftlicher, mitmenschlicher Akt. Ein Werk wird erlebt und muss immer wieder in Aufführungen neu gefunden werden. Es gibt bestimmt viele Amateure, die für sich selbst spielen. Das ist legitim, aber für mich selbst gehe ich lieber joggen.

Edita Gruberova sagt über ihre Kunst „Es ist mir erlaubt – von ihm“. Hat das Spielen eine Art religiöse Bedeutung? Müssen Sie damit etwas zurückgeben?

Religiös, ich weiß nicht. Etwas subjektiv Sinnvolles in der Gesellschaft mitgestalten, darum geht es. Brücken zu schlagen – was sich auch in finanziellen Dingen ausdrückt. Nehmen Sie nur das Projekt im Hasenbergl. Diese Kinder kommen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Die brauchen einen Hort, der Geborgenheit und Zukunft gibt.

Das ist die andere Seite Münchens, die im Image der Stadt kaum eine Rolle spielt. Fühlt man sich zu Unrecht als Insel der Seligen?

Bayern ist bezogen auf die Wirtschaftskraft eine Insel der Seligeren. Und kulturell sind wir sowieso unglaublich verwöhnt. Aber wer genau hinschaut, wird in Bayern auch anderes finden. Ich habe nicht den Eindruck, dass man hier die Augen vor Problemen verschließt. Das Hasenbergl-Projekt blüht ja nicht im Stillen vor sich hin, sondern hat in den letzten Jahren viele Unterstützer gefunden.

Sie sind seit vielen Jahren Wahl-Münchnerin. Was macht die Stadt für Sie lebenswert?

Als ich hierher zog, war das aus rein persönlichen Gründen. Da ging’s mir weniger um die Alpen, Seen und Weißwürste. (Lacht.) Inzwischen liebe ich München sehr. Die Ernsthaftigkeit, mit der man mit der Kunst umgeht, inspiriert und trägt mich. Es sind aber auch die Münchner selbst. Ich komme ja aus dem Schwarzwald. Bayern und Schwarzwälder sind sehr wesensverwandt. Sie sind bodenständig, geradeaus, zuverlässig, offen.

Aber Schwarzwälder granteln weniger.

Nach zwei, drei Weißbieren ist der Grant doch weg. Das ist hier eine ganz entspannte Atmosphäre. Dazu noch die Nähe zu Österreich, Schweiz und Italien, das macht München für mich zur idealen Heimat.

Bereuen Sie es schon, dass Sie einmal gesagt haben: „Mit 45 höre ich auf“?

Ich gehe ja nicht aus einem Reflex heraus auf die Bühne. Gerade Künstler machen mehr oder weniger wunderbare Veränderungen durch. Der Tennisspieler Rafael Nadal sagte neulich, für ihn sei nicht nur entscheidend, wie er spielt, sondern wie seine Karriere endet. Und damit meint er wohl, dass er auf der Höhe abgehen will. Es geht darum, dass man den hohen Anspruch an sich selbst so lange und so gut als möglich erfüllt. Ich bin mir der Endlichkeit meiner Karriere bewusst. Das macht mir diese Zeit jetzt umso wertvoller.

Sie haben 2011 Ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Sind solche Karrieren auf dem Klassikmarkt mit seinen schnell hochgeschossenen „Stars“ überhaupt noch möglich?

Das Zirzensische bei jungen begabten Musikern – oder Sportlern! – gab es schon immer. Und es wird immer wieder lange Karrieren geben. Man sollte einfach wissen, was man selbst kann. Diesen Instinkt muss man, auch mit Hilfe guter Lehrer, entwickeln.

Es gibt für Sie aber auch Tage ohne Musik, oder? Gerhart Polt meinte einmal, sein Hobby sei Wohnen...

(Lacht.) Ich habe Monate ohne Konzerte. Die müssen allerdings vorbereitet werden. Insofern wäre mein Hobby „Wohnen und Studieren“.

Wie Mariss Jansons. Der hat eigentlich ein Pausenjahr einlegen wollen und sitzt nun bei Kollegen in der Probe oder mit Partituren am Strand.

Es ist einfach zu spannend. Das ist kein Beruf, den man gern stöhnend ablegt. Man erlegt sich eher stöhnend eine Arbeitspause auf.

Und was spielen Sie im neuen Münchner Konzertsaal als Erstes?

Lebe ich da überhaupt noch?

Na, das klingt jetzt aber pessimistisch. So lange noch bis zur Eröffnung?

Ich will dem wunderbaren BR-Symphonieorchester keine Angst machen. Aber es gibt noch viele Probleme zu schultern. Die Werkwahl überlasse ich Herrn Jansons. Da er, wie er im Interview meinte, Tango tanzen will, werden wir mindestens Sarasates „Carmen-Fantasie“ spielen müssen, außerdem gibt es Wunderbares von Piazzolla. Tango tanzen kann ich nicht, aber bis dahin könnte ich ja einen Kurs machen.

Und mal im Ernst: Wie optimistisch sind Sie in Sachen Saal?

Das Eisen ist heiß. Man sollte die Planung schnell vorantreiben, bevor der politische Alltag dieses Projekt überrollt. Etwas, was mich noch besorgt, ist die Frage der Akustik. Offensichtlich will man den Akustiker von Anfang an hinzuziehen, das finde ich gut. Ein weiteres Missgeschick wie den Gasteig können wir uns nicht leisten.

Hat München da nicht ein Luxusproblem? Andere Theater und Museen in Bayern klagen über zu niedrige Etats und marode Häuser.

Aber München ist eine Kulturmetropole. Und wenn man das bleiben will, muss man einiges dafür tun. Es gibt keinen adäquaten Saal – weder fürs BR-Symphonieorchester, noch für die Philharmoniker. Wenn wir hier einen neuen Saal haben, dann wird München um eine Spur sonniger. Musik soll eben viele Menschen erreichen, das gilt für die Anlieger der Maximilianstraße wie für Bewohner am Hasenbergl.

Doch die kommen nicht automatisch in einen solchen Saal. Da sind andere Mechanismen notwendig. Was halten Sie von Events wie Stadionkonzerten?

Ich würde eher früher ansetzen, bei der musikalischen Bildung in der Schule. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Ich besuche keine Stadionkonzerte. Sobald ein Instrument, besonders eine Geige, verstärkt werden muss, gehen Wahrhaftigkeit und persönlicher Ton verloren. Für Popkonzerte ist eine Verstärkung unabdingbar, das weiß ich. Aber bei der Klassik verschwindet Zauberkraft.

Apropos Zauber: Wie gern hören Sie Ihre eigenen Aufnahmen?

...und ich dachte, Sie fragen mich jetzt nach meiner großen Leidenschaft! Zauberer! Ich liebe die! Zauberer fesseln mich stundenlang, meine alten Platten weniger. Das sind Momentaufnahmen.

Es heißt, Sie seien nie mit sich zufrieden. Gibt es nie Augenblicke nach Konzerten, in denen Sie sagen: „Wow, das war klasse“?

Och, na ja, doch. Da sind kleine Felder, die Anlass zur Hoffnung geben. (Lacht.) Die Realität steht da mancher Frau im Wege.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Karten unter Tel. 089/ 5900-4545.

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