Anonymer Schlund

- Alles hat für ihn die Konsistenz von Suppe, und er selbst fühlt sich wie mit Toastbrot ausgestopft. Jim ist 15, unglücklicher als andere Teenager und weiß, dass so etwas unter Erwachsenen als Depression gilt. Er ist allein - und doch auch wieder nicht. "Schizophrene sagen oft, dass sie sich wie ein gemischter Salat fühlen", höhnt William, der angeblich Jims Freund sein will. Im Internet, im Chatroom der "Verdammten Besserwisser", einem der vielen Foren, die zum Austausch so wichtig geworden sind für Jugendliche. Weil man in ihnen anonym bleiben, sich eine andere Identität zulegen kann. Weil man da dem unförmig pubertierenden Selbst so schön einfach eine Kontur anprobieren kann, und sei es eine extreme.

<P class=MsoNormal>Enda Walsh hat diesen Un-Ort mit seinen multiplen Un-Wesen in seinem Stück "Chatroom" zum Thema gemacht. Der irische Autor, dessen Dramen "Bedbound" und "New Electric Ballroom" an den Münchner Kammerspielen bereits inszeniert wurden, hat die deutsche Erstaufführung von "Chatroom" im Neuen Haus selbst besorgt: Mit dem Kammerspiele-Jugendclub "M8MIT!", Jugendlichen, die kaum älter sind als ihre Figuren. Anders, als man hätte erwarten können, hat Walsh aus der unkonkreten Chatroom-Situation klassisches Theater geformt: Jim, der Depressive, William, der Ex-Ministrant, Emiliy, die Ex-Magersüchtige, Eva, Ex- Britney-Spears-Fan, und Laura, die einen Selbstmordversuch überlebt hat, sitzen in einem Bretterverschlag auf Stühlen, schauen sich an, stehen auf, bedrängen einander. Ihr Mienenspiel, ihre Körperhaftigkeit und unverstellte Lebendigkeit vertuschen allerdings, dass in Chatrooms nicht wirkliche Menschen, sondern Illusionen von ihnen miteinander kommunizieren. Trotzdem ist der herkömmliche Bühnendialog - zumal für ungeübte Darsteller - hier richtig: Er verdeutlicht, wie bei aller Virtualität des Chatrooms soziale Strukturen entstehen können - so gefährlich, wie im richtigen Leben.</P><P class=MsoNormal>Ersatunliche Ironie</P><P class=MsoNormal>Ein bisschen "rumklempnern" wollen William und Eva an dem zutiefst verstörten Jim: Ein Fanal für alle Teenager soll er setzen, ein Idol werden, Selbstmord begehen. Doch die anderen Chat-Partner können das verhindern. Elisa Leroy, Rosanna Graf, Laura Ettel, Leopold Geßele, Moritz Herle und Moritz Geiser spielen diese Seelenhatz verstörend leise und intensiv, glaubwürdig - und mit erstaunlicher Ironie gegenüber dem eigenen Teenager-Stadium. Schade, dass Walsh ihnen noch eine kurze Passage mit Klagen über Hormonchaos und Erwachsene getextet hat. Denn alles, was gesagt werden muss, hat er doch schon in die starken Dialoge gelegt. Die so gar nicht pubertär-albern sind. Und von einem schrecklichen Sog in einen vertrauenerweckend anonymen Schlund künden.</P>

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