Anpfiff in Ingolstadt

- Ort: ein Ingolstädter Hinterzimmer. Zeit: Endspiel der Fußball-WM, also Juni 2002. Damals und dort hat alles begonnen, das Werben von Bayerns Kunstminister um Kent Nagano, der nach dem Willen Hans Zehetmairs Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper werden sollte. Jetzt, sieben Monate später, sind die Verträge unterschriftsreif und alle Spekulationen beendet. Nagano wird also ab Herbst 2006 Nachfolger von Zubin Mehta.

<P>Und mit ihm tritt Christoph Albrecht sein Amt als Staatsintendant an, Peter Jonas wird wie Mehta auf eigenen Wunsch das Haus verlassen.</P><P>Natürlich könne man nicht "Legionen" nach solchen Posten fragen, sagte Zehetmair gestern bei der Präsentation der beiden, die Zahl der in Frage kommenden Kandidaten bewege sich "deutlich unterhalb der Zehnergrenze". Nagano, so hieß es hinter den Kulissen, sei des Ministers allererste GMD-Wahl gewesen, Albrecht solle ihn ergänzen als verlässlicher Opernlenker, der kaum Schatten auf den Glanz des Star-Dirigenten fallen lässt.</P><P>Zehetmair war denn auch voll des Lobes über Nagano: "Jede seiner Aufführungen ist ein Ereignis, durchdrungen von Intellekt, Gestaltungswillen, Suche nach neuen Ausdrucksformen, gepaart mit höchster technischer Meisterschaft und künstlerischem Ethos." Er werde den Münchner Spielplan "vor allem auch in Richtung der Moderne erweitern". Mindestens 40 Opernabende soll Nagano pro Saison dirigieren, dazu vier Akademiekonzerte, geplant ist auch mindestens eine Neuproduktion. Seinen Posten als Chefdirigent der Oper in Los Angeles gibt der Amerikaner 2006 auf, das Deutsche Symphonie-Orchester in Berlin möchte er allerdings behalten.</P><P>Zum Thema Pläne und Konzepte zeigten sich Nagano und Albrecht gestern zugeknöpft. Die Saison 2006/ 07 werde in den nächsten Wochen zusammengestellt, teilte Albrecht mit. "Geben Sie mir einfach zwei Jahre Zeit." Er selbst werte seine Berufung als "Anerkennung meiner zwölfjährigen Arbeit in Dresden". Christoph Albrecht leitet seit 1991 die dortige Semper-Oper, zuvor war er Betriebsdirektor in John Neumeiers Hamburger Ballett. Bereits in diesem September kommt Albrecht nach München, da er die Bayerische Theaterakademie als Nachfolger von Hellmuth Matiasek übernimmt.</P><P>Zehetmair bezeichnete Albrecht als "eine der seriösesten Persönlichkeiten der Branche", von der er sich ein "spannendes und anspruchsvolles Programm" verspreche. Befragt nach Sparzwängen, die seine Tätigkeit einengen könnten, gab sich Albrecht optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass die Bayerische Staatsoper auf lange Zeit das am besten subventionierte Haus Deutschlands bleibt. Damit kann ich leben." Während die Berufung Kent Naganos - nach den Diskussionen und Gerüchten der letzten Wochen - nicht gerade Verblüffung auslöste, gilt die Wahl Christoph Albrechts als große Überraschung. Peter Mussbach, Udo Zimmermann (beide Berlin), Klaus Zehelein (Stuttgart) oder Alexander Pereira (Zürich) wurden als mögliche Opernchefs genannt, an den Intendanten der Semper-Oper dachte so gut wie niemand.</P><P>Schon jetzt ist übrigens eine ehemalige Mitarbeiterin der Semper-Oper in München aktiv: Hella Bartnig, frühere Dresdner Chefdramaturgin, wechselte zu Beginn dieser Saison - und offenbar die jüngsten Entwicklungen nicht ahnend - in gleicher Funktion an die Bayerische Staatsoper. Albrecht betonte indes, dass er auf die Erfahrung des Münchner Teams setzen wolle: "Ich komme nicht mit einem Gefolge von der Elbe an die Isar."</P><P><BR> </P>

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