Bei Anruf Anarchie

- Es ist wohl nur ein skurriler Zufall, dass just in diesen Tagen, da das gesamte Land über die Gefahr diskutiert, die von Handys ausgeht (natürlich nur in den Händen von Jugendlichen . . .) das neue Buch von Stephen King auf Deutsch erschienen ist. "Puls" handelt von der Bedrohung der menschlichen Zivilisation durch Mobiltelefone. Wie immer bei King schleicht sich das Grauen eher unauffällig in den Alltag ein. Als die Gefahr erkannt wird, ist es längst zu spät.

Ein Signal löscht die Persönlichkeit

An einem sonnigen Herbsttag - eine der vielen Anspielungen auf die Anschläge vom 11. September 2001 - verwandeln sich die Menschen schlagartig in blutrünstige Monster. Allerdings nur diejenigen, die gerade ein Handy benutzen. Ein mysteriöses Signal löscht die Persönlichkeit und setzt aggressive Energie frei. Auf der Straße gehen sich die Menschen buchstäblich an die Gurgel, verstümmeln sich selbst oder laufen Amok. Innerhalb kürzester Zeit versinkt das Land in Anarchie. Einige "Normalos" schlagen sich mehr schlecht als recht durch.

King folgt einer dieser Gruppen und schildert gewohnt plastisch die Geschichte einer Odyssee, die ins Nichts zu führen scheint. Überall lauern "Handy-Irre", und zum Entsetzen der Überlebenden entwickeln sie wie ferngesteuert eine Art von Parallelgesellschaft, die die Kontrolle über das Land übernimmt. Ob es sich dabei um die Folgen eines Terroranschlags oder eines missglückten Experiments der Regierung handelt, lässt King listig offen. Das ist spannend beschrieben und von solidem Kulturpessimismus geprägt, wie immer bei dem Amerikaner.

Unterhaltsame Einwegware also. Aber da gibt es einen Aspekt, der einen daran hindert, das Buch sofort nach der Lektüre zu vergessen: die Boshaftigkeit, mit der King sein Land analysiert. Das fängt vergleichsweise harmlos damit an, dass er zu Beginn Handy-Benutzer vor Ausbruch der Katastrophe wunderbar gehässig als debile Ignoranten skizziert, geht damit weiter, dass Polizisten im Augenblick der Apokalypse sich zum Einmann-Standgericht erklären und jeden erschießen, der ihnen gefährlich erscheint. Und endet damit, dass die wenigen normal Gebliebenen zur Gehirnwäsche in Sammellager getrieben werden. Man muss nicht übertrieben spekulieren, um eine Zustandsbeschreibung der Vereinigten Staaten im Jahr Fünf nach dem 11. September wiederzuerkennen.

Es ist nicht einfach der Kampf von Menschen gegen Monster, der hier thematisiert wird, sondern ein Krieg der Kulturen. Irgendwann erklären die Handy-Opfer schließlich die anderen zu "Wahnsinnigen" und empfinden sie als Bedrohung. King zeigt, wie totale Außenseiter angesichts eines übermächtigen Feindes, der ihre Lebensweise nicht toleriert, zu Mitteln des Terrors greifen. Ein Halbwüchsiger sorgt dafür, dass ein Bus voller Sprengstoff Tausende von "Handy-Irren" zerfetzt und rechtfertigt sich: "Wir mussten es tun."

Und einmal lässt King einen Akademiker erklären, weshalb die Handy-Fraktion so aggressiv ist: Wenn man das Bewusstsein des Menschen ausschaltet, bleibt nur blanke Mordlust. Es ist die Bereitschaft, über die Selbsterhaltung hinaus zu töten, die den Menschen zu einem erfolgreichen Modell der Evolution gemacht hat. Wir haben das nur verdrängt.

Stephen King: "Puls". Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. Heyne Verlag, München, 556 S.; 19,95 Euro.

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