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Um seine Heimat London dreht sich alles beim ersten Münchner Neujahrskonzert von Anthony Bramall.

GÄRTNERPLATZTHEATER

Anthony Bramall: „Deutsch sprechen ist wie Einparken“

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Seit einem Vierteljahr ist er mittlerweile Chefdirigent an Münchens Volksoper. Anthony Bramall, gebürtiger Londoner mit dementsprechendem Humor, bietet trotz Brexit ein Neujahrskonzert von der Insel.

München - Den „Donauwalzer“ oder gar den „Radetzky-Marsch“ gibt es mit ihm nicht. Dafür eine Mixtur von James Bond über „Cats“, Händel und Donizetti bis hin zu Elgar. Very british wird das erste Neujahrskonzert von Anthony Bramall am Münchner Gärtnerplatztheater. Was nicht so furchtbar verwundert: Der Mann ist gebürtiger Londoner. Ein Gespräch über diesen so besonderen Abend und seine ersten Monate am Haus.

Wenn man sich Ihr Programm anschaut, dann scheint es, als sei dies eine Wiener-Neujahrskonzert-Vermeidungsaktion.

Anthony Bramall: Könnte man meinen, ist aber nicht so gedacht. Es geht einfach darum, eine andere Art von Neujahrskonzert anzubieten. Ich möchte Städte in den Mittelpunkt stellen. Und weil dies mein erstes Münchner Neujahrskonzert ist, dreht sich alles um meine Heimat London. Möglich wären auch noch Paris, St. Petersburg, Rom oder Venedig. Immer soll Musik gespielt werden, die für, über oder in der Stadt geschrieben wurde.

Offenbar soll auch nicht nur geschmunzelt werden. Das Lamento aus Purcells „Dido und Aeneas“ ist eine ziemlich tragische Angelegenheit.

Bramall: Genau. Es wird im Laufe des Abends dann immer heiterer. Ich liebe es, nicht nur große Klassik, sondern auch Musical, Operette oder Big Bands zu dirigieren. Schauspieler Stefan Wilkening wird die Figur von Arthur Conan Doyle, des Schöpfers von Sherlock Holmes, verkörpern. Ich bin in meinen Moderationen für die Witze zuständig.

Warum haben so viele Dirigenten Angst davor, sich dem Publikum zuzuwenden und auch einmal etwas zu sagen?

Bramall: Bei uns Ausländern ist das ein spezieller Fall. Nehmen Sie deutsche Magazin-Moderatoren: Die finden beim Sprechen mühelos den Weg von A nach B. Wir haben das Problem: Wenn wir im falschen Teil eines Satzes gelandet sind, finden wir nicht mehr die Ausgangstür. Ich moderiere ohne Manuskript, vielleicht mal mit kleinen Karteikarten. Das erste Mal, als ich so etwas gemacht habe, war in den Neunzigerjahren. Ich habe in Heidelberg bei einer italienischen Operngala gastiert. Fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung sagte man mir: „Es wurden falsche Programmhefte gedruckt. Können Sie das bitte moderieren?“ Ich dachte zunächst, die spinnen. Trotzdem habe ich’s gemacht, und es lief zufriedenstellend. Als ich dann Generalmusikdirektor in Karlsruhe war, habe ich in Konzerten moderne Stücke erläutert oder die Neujahrskonzerte moderiert. Es ist so wunderbar in Deutschland: Die Leute sind sehr gnädig, wenn man sprachliche Fehler macht.

In anderen Ländern etwa nicht?

Bramall: Eher nicht. Es gibt hier eine unglaubliche Großzügigkeit.

Weil etwa die Bayern selbst dauernd sprachliche Fehler machen?

Bramall: (Lacht.) Okay, das haben Sie gesagt. Im Falle von uns Briten zählt das vielleicht als charmant. Als ich in Leipzig den Opernball moderierte, hatten wir zwei Gäste aus dem Bolschoi-Ballett, die erst am Tag selbst angereist waren. Ich musste deren Namen aussprechen – und hatte meine Karteikarten verloren. Im Stück davor kramte ich während des Dirigierens in meinen Taschen und dachte „Sch...“ Ein Horror. Es hat dann doch geklappt.

Fühlen Sie sich überhaupt noch als Ausländer? Durch Ihre vielen beruflichen Stationen in Deutschland sind Sie doch längst assimiliert.

Bramall: Ja, schon. Aber diese sprachliche Wendigkeit fehlt mir. Es ist ein bisschen wie Einparken. Bis man in der Lücke steht, dauert es eben. Ich lande noch zu häufig auf dem Bordstein.

Seit Oktober wird im Gärtnerplatztheater gespielt. Fühlen Sie sich schon endgültig angekommen? Oder ist es noch wie in einer unfertigen Wohnung?

Bramall: Schauen Sie sich doch in meinem Büro um: Sehen Sie irgendwelche Bilder? Ich habe zwar früher schon hier dirigiert. Aber nach der Sanierung ist im Haus, mit Ausnahme der Bühne vielleicht, alles komplett anders. Im Orchestergraben klingt es viel besser.

Die Exil-Phase hatte ja auch einen Vorteil. Durch das ständige Vagabundieren und die ungewöhnlichen Spielstätten gab es einen enormen Kreativschub. Wie ist es nun, wenn man wieder in der alten Heimat gelandet ist?

Bramall: Das ist die große Frage und die große Herausforderung. Man war etwas Besonderes, Exotisches. Jetzt sind wir wieder das zweite Haus am Platz. Die Ansprüche des Intendanten sind richtigerweise nicht weniger geworden. Ich komme noch mit neuen Ideen dazu. Es gibt womöglich ein Umstellungsproblem, weil während der Sanierung im Stagione-Prinzip gespielt, jedes Stück also nach und nach gezeigt wurde, und man jetzt wieder auf ein Repertoiresystem umgestellt hat. Das ist eine Umpolungsphase. Dennoch bieten wir, so glaube ich, eine hohe Qualität. Es geht ja nicht darum, wo gespielt wird, sondern dass man den Stücken gerecht wird. Die müssen glänzen.

Was kann man dem Publikum an diesem Haus zumuten, was nicht?

Bramall: Beim Thema Zumutungen redet man ja meist über Inszenierungen... Wir müssen immer eine Schere im Kopf haben, weil es um Abstimmungen unter den Münchner Häusern geht. Wir müssen allerdings auch Stücke ansetzen, die eine Herausforderung für unseren gesamten Apparat darstellen. Das bringt uns weiter.

Wie wirkt das Münchner Publikum auf Sie im Vergleich zum Leipziger?

Bramall: Größer. Wobei die Auslastung in Leipzig besser geworden ist. Wenn der Leipziger sagt „Das kenne ich nicht, das mag ich vielleicht nicht“, geht er nicht hin. Das hat auch finanzielle Gründe. Hier in München, überhaupt im süddeutschen und österreichischen Raum, gehören Theater, Konzert und Oper viel mehr zum täglichen Leben dazu. Hat nicht Karl Valentin über einen Theaterzwang fürs Publikum gesprochen? Den braucht es hier wirklich nicht. Es sind paradiesische Zustände. Gerade deshalb habe ich ja immer und mit vollster Überzeugung gesagt: Das Gärtnerplatztheater ist mein Traumhaus.

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