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Ihnen gelingen immer wieder intensive Augenblicke: Xenia Tiling (Ma(s)a), Mara Widmann (Olga) sowie Lenja Schultze (Irina, v. li.) in ihrem öden Anwesen, das Stefan Hageneier auf die Bühne des Volkstheaters gebaut hat.

Der Patient Mensch

München - Thomas Dannemann inszenierte Anton Tschechows „Drei Schwestern“ am Münchner Volkstheater. Lesen Sie Premierenkritik:

Wie diese Leere inszenieren? Die Dramen Anton Tschechows (1860-1904) fordern Regisseure, Schauspieler und Publikum besonders: Äußere Handlung gibt es kaum, die Figuren reden, ja leben oft aneinander vorbei und sind selten eins mit sich. Sie existieren wie gebremst von einer dicken, melancholischen Suppe – was sterbenstraurig und dennoch urkomisch sein kann. Empathie seitens ihres Autors dürfen diese Charaktere kaum erwarten, schließlich studierte Tschechow Medizin, bevor er als Autor reüssierte. Und der Umgang mit seinem Bühnenpersonal erinnert oft an eine Anamnese: wissenschaftlich exakt, doch teilnahmslos. So wurde Tschechow zum Protokollanten des Zeitenwechsels vom 19. zum 20. Jahrhundert mit all seinen gesellschaftlichen Umwälzungen und Auflösungserscheinungen. Was der schreibende Arzt jedoch über den „Patienten Mensch“ herausgefunden hat, sein schwermütig-lächelnder Blick auf unser Dasein, ist und bleibt spannend.

Die Besetzung

Regie: Thomas Dannemann. Bühne: Stefan Hageneier.

Kostüme: Regine Standfuss.

Musik: Peter Pichler.

Darsteller: Oliver Möller (Andrej Sergeevi(c) Prozorov), Kristina Pauls (Natalja Ivanovna), Mara Widmann (Olga), Xenia Tiling (Ma(s)a), Lenja Schultze (Irina), Stefan Ruppe (Kulygin), Jean-Luc Bubert (Ver(s)inin), Pascal Fligg (Tuzenbach), Max Wagner (Solënyj), Lutz Salzmann ((C)ebutykin), Sebastiano Sing (Fedotik).

Thomas Dannemann hat sich der Herausforderung gestellt und am Münchner Volkstheater „Drei Schwestern“ inszeniert. Der zweieinhalbstündige Abend hat Schwächen, trifft aber auch Tschechows heitere Traurigkeit, traurige Heiterkeit. Denn Dannemann hat einen zwingenden Ansatz für seine Regiearbeit gefunden: Stefan Hageneier hat ihm die Bühne komplett aufgerissen. Jedes Kabel, jede Steckdose, jeder Scheinwerfer, die ganze Technik des Hauses ist bloßgelegt, zu Beginn und am Ende brennt auf der Bühne das kalte Arbeitslicht der Neonröhren. „Macht Euch keine Illusionen“, scheint dieser Raum zu schreien.

Und damit ist er trist und trostlos wie das Leben der drei Schwestern Olga, Ma(s)a und Irina, die seit Jahren in der russischen Provinz versauern. Ihr ganzes Sehnen gilt ihrer Geburtsstadt Moskau, ihrem Utopia. In Moskau steht „schon alles in Blüte, es ist warm, alles ist sonnenüberflutet“, wie Olga gleich zu Beginn feststellt und am Ende bestätigt: „Etwas Besseres als Moskau gibt es nicht.“ Kein Wunder, ist das Haus der Schwestern doch grob und schlicht aus Balken zusammengezimmert, die Wände sind aus Plastikfolie. Mehr Skelett denn Anwesen, das von den Schauspielern auch noch demontiert wird.

Die sitzen in der ersten Zuschauerreihe und kommen für ihre Szenen auf die Bühne. Wer möchte, kann darin eine Verbeugung des Regisseurs vor dem wunderbaren Theatermacher Jürgen Gosch (1943-2009) erkennen, zu dessen wichtigsten Schauspielern Thomas Dannemann einst zählte: In Tschechows „Möwe“, Jürgen Goschs vorletzter Inszenierung aus dem Jahr 2008, saßen alle Schauspieler auf einer Bank wenige Meter hinter der Rampe und traten für ihre Szenen nach vorne.

Auch in Dannemanns Arbeit betont dieser gute Einfall den Charakter der Versuchsanordnung, in der Tschechow seine Figuren zur Reaktion mit sich und dem Leben bringt. Die agieren, als wären sie permanent einen Tick neben der Spur, und versuchen, die Ödnis mit Liebeleien, Arbeit oder Träumerei zu bekämpfen. Daraus können wunderbare Momente entstehen, oft tragisch und komisch zugleich.

Allerdings gelingt das am Volkstheater nicht allen Schauspielern gleichermaßen. Viele tun sich schwer, die Spannung zu halten – gerade in den für Tschechows Stücke so wichtigen Pausen, wenn die Figuren schweigen. Mancher Darsteller rettet sich zudem in Klamauk, überlärmt, wo der Text Ruhe nötig gehabt hätte. Schade. Denn wegen der unterschiedlichen schauspielerischen Niveaus entwickelt die Inszenierung zu selten Intensität.

Die Handlung

In der trostlosen russischen Provinz versauern seit elf Jahren die drei jungen, adeligen Schwestern Olga, Ma(s)a und Irina. Einst kamen sie mit ihrem Vater, einem Brigadegeneral, dessen Einheit verlegt wurde, von Moskau hierher. Olga ist Lehrerin, Ma(s)a ist mit einem pedantischen Lateinlehrer verheiratet. Irina träumt von der großen Liebe und einem Beruf, der sie ausfüllt. Nun, da der Vater tot ist, hoffen sie, dass ihr Bruder Andrej Wissenschaftler an der Moskauer Universität wird und sie mit ihm dorthin zurückkehren können. Bis dahin zehren sie von der Erinnerung an ihre Heimat. Andrej aber wird zum Spießer, dessen nervige Frau Natalja die Schwestern um ihren Besitz bringt.

Von diesem Vorwurf ausgenommen ist die Besetzung der drei Schwestern: Mara Widmann (Olga), Xenia Tiling (Ma(s)a) und Lenja Schultze (Irina), alle drei nahezu so alt wie ihre Figuren, gestalten die intensivsten Augenblicke des Abends. Jede für sich irrlichtert auf ihre Art durchs Leben, so unterschiedlich die Schauspielerinnen ihre Charaktere angelegt haben, so sehr eint diese das Leiden an sich, ihrem Dasein – und die Sehnsucht nach Moskau. Die bleibt bestehen, ebenso wie die Frage: „Wozu wir leben?“ Olga stellt sie stellvertretend. Ihr Haus ist da schon bis auf ein paar Pfosten abgebaut, auf der Bühne brennt Arbeitslicht. In dieser Leere kann es keine Antworten geben.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 19., 20. und 26. Mai; Telefon 089/ 523 46 55.

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