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Nach Tod und Hölle wieder im Paradies: Der Ermordete (Tim Werths) betritt es mit kindlicher Reinheit und Naivität.

Uraufführung  „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“ im Münchner Residenztheater

Eine Höllenfahrt im Residenztheater

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Es war die letzte Premiere im Residenztheater unter Intendant Martin Kušej: die Uraufführung von „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“. Der Abend aus Sex und Gewalt war für manche Zuschauer eine Herausforderung. 

Die Orgie im Alfa zu pumpenden Beats ist dann einigen zu viel. Während es die fünf Männer im Auto auf der Bühne miteinander treiben, treibt es überraschend viele Zuschauer am Freitagabend aus dem Residenztheater. Bereits vor, aber auch nach dieser Szene wird die Inszenierung immer wieder von Zwischenrufen gestört: „Aufhören!“, „Buh!“, „Es reicht!“

Federico Bellini spiegelt in „Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini“ das Leben, vor allem jedoch das Sterben Pier Paolo Pasolinis in Dantes „Göttlicher Komödie“. Dass Ersterer schwul war, ist spätestens seit 1948 bekannt, als Italiens Kommunisten den Autor und Filmemacher deswegen aus der Partei warfen. Und dass die Hölle, wie sie Dante in seiner „Commedia“ schildert, keinen Spa-Bereich hat, lässt sich nachlesen, seit das Werk vor gut 700 Jahren erschienen ist. Warum also die Aufregung? Aber es stimmt natürlich: Mit der Entscheidung, diese Uraufführung als letzte Premiere seiner Intendanz im Residenztheater zu zeigen, hat Martin Kušej nicht den einfachen Weg gewählt. Die knapp 100 Minuten sind eine Herausforderung – für Publikum und Schauspieler.

Immer wieder werden mögliche Varianten des Mords an Pasolini gezeigt.

Pasolini (1922-1975) hat sich zeitlebens mit Dante Alighieri (1265-1321) und der „Göttlichen Komödie“ beschäftigt. In seinem Stück schickt nun Bellini, der gern ausgiebig Dante zitiert, Pasolini auf dessen persönliche Tour de Force durch Hölle, Fegefeuer und über den Läuterungsberg zum Paradies. Das Drama ist sicher nicht der komplexeste Text der Theaterliteratur. Doch in jedem Fall ist die Idee dieses Montage-Reigens spannend.

Er beginnt in jener Nacht Anfang November 1975, in der Pasolini in seinem Auto auf einem Bolzplatz in Ostia ermordet wurde. Der damals 17-jährige Pino Pelosi galt (allzu) rasch als alleiniger Täter. Zweifel am Tathergang freilich gibt es nicht erst, seit der ehemalige Stricher sein Geständnis 2005 erst relativierte, dann widerrief. Wirtschaft, Politik, Rechtsradikale, die Mafia – wer hat Pasolinis Tod zu verantworten? Wollte der Regisseur gestohlenes, gar kompromittierendes Material seines Films „Die 120 Tage von Sodom“ zurückholen? Oder war es doch ein Lustmord unter Homosexuellen? Tatsächlich ist die Frage bis heute ungeklärt.

Auf der leeren, bis zur Brandmauer aufgerissenen Bühne setzt Antonio Latellas Theaterabend genau an diesem Punkt an. Der junge Bruno Opaçak, der normalerweise beim SVN München kickt, hält mit großer Lässigkeit einen Fußball in der Luft, bevor er die Plane von einem Auto zieht: Bühnenbildner Giuseppe Stellato hat Pasolinis Wagen, einen silbernen Alfa Romeo 2000 GT Veloce (selbst das Nummernschild ist korrekt: K 69996 ROMA), in die Leere geparkt. Zwei Männer steigen aus, und nach einer brutalen Choreografie aus Sex und Gewalt ist einer der beiden tot.

Pasolinis Wagen, ein silberner Alfa Romeo 2000 GT Veloce

Nun legt die Inszenierung den Rückwärtsgang ein, die Schauspieler gehen in Zeitlupe zurück auf Anfang – und die Szene beginnt erneut, jetzt mit drei Männern. Wieder und wieder werden mögliche Varianten des Mordes durchgespielt, die Zahl der Beteiligten nimmt zu. „Wir müssen die Dinge immer wieder wiederholen, um zu begreifen, was wir tun“, wird es später im Stück heißen. Es ist ein grausamer Totentanz. Unbarmherzig – trotz Pantomime und Licht im Zuschauerraum.

Der Moment des Sterbens markiert dann den Beginn der Höllen-Wanderung des Künstlers. Ein kluger Rabe, den Franz Pätzold spielt und der aus Pasolinis Film „Große Vögel, kleine Vögel“ (1966) herübergeflattert ist, wird zu seinem Vergil, seinem Begleiter. Es ist beeindruckend, wie konzentriert und mit welch enormer Präsenz Pätzold sowie seine Kollegen Philip Dechamps, Gunther Eckes, Max Gindorff, Nils Strunk und Tim Werths agieren.

Wie bei Dante nimmt die Raserei mit jedem Höllenkreis zu, bis zur treibenden Rap-Rock-Nummer „Argenti vive“ des Hip-Hoppers Caparezza, der sich ebenfalls mit der „Göttlichen Komödie“ seines Landsmanns auseinandersetzt. Hier kumuliert die Inszenierung in einem brachialen Irrsinn aus Leibern, Lautstärke, Lust, Licht und Laster. Der Abend beruhigt sich, als es ins Fegefeuer geht, wo Pasolini drei Versionen seiner Mutter Susanna halluziniert – „Ich bin eines deiner Schuldgefühle.“

Das Paradies schließlich betritt der Ermordete tatsächlich geläutert, nackt und mit kindlicher Naivität: Tim Werths lässt ein Spielzeugauto über die Bühne schlittern und kickt ein bisschen mit dem Ball, während sich ein friedliches Grün durchs bis dato kalte Bühnenlicht kämpft.

Dante hat Hölle, Fegefeuer und Paradies jeweils 33 Gesänge gewidmet. Pasolini wurde in seinem Leben 33 Mal angeklagt (und – nebenbei bemerkt – nie verurteilt). Ein Zufall, natürlich. Und dennoch vielsagend. Oder? Ein schrecklicher, ein guter Abend.

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