Aphrodites Nachbarinnen

- Seine klobige, gekrümmte Großfigur namens "Aphrodite" ziert jetzt, hoch aufgesockelt, den weiten Hof der "Augsburger Allgemeinen". Deren Verlegerin Ellinor Holland hatte ihr Geschenk an die Stadt Augsburg 2002 zurückgezogen, als der vorgesehene Brunnenstandplatz am oberen Ende der Maximilianstraße vor den beiden Ulrichskirchen nach heftigen Widerständen nicht mehr in Frage kam.

In "Aphrodites" Nachbarschaft, im Foyer der Mediengruppe Pressedruck, bietet der 65-jährige "Malerfürst" Markus Lüpertz ­ inzwischen weißbärtig und kaum noch der Dandy von ehedem ­ seine 40 Ölbilder, Gouachen und Farbradierungen umfassende Ausstellung von "Rückenakten" aus den vergangenen beiden Jahren. In meist derb bunter, großzügig charakterisierender Manier beschränkte er sich auf die Höhe seiner Blickrichtung aus der Position des Sitzenden heraus.

Die Rückansicht ist stets ein Torso aus angeschnittenen Oberschenkeln, breit und stämmig, umwuchert von Strichgewirr und zuweilen rätselhaft überlagert von Baumstücken oder einer Schildkröte. Entwickelt wird so etwas wie die Physiognomie des Gesäßes ­ in der betont subjektiven, vom eigenen Temperament gesteuerten Sicht des Künstlers. Gleichzeitig bietet die rund 1200 Quadratmeter große Galerie Noah im Augsburger Glaspalast als Rückblick auf die vergangenen 17 Lüpertz-Jahre 45 Gemälde, sechs bemalte Skulpturen sowie 40 Zeichnungen und kolorierte Kaltnadelradierungen.

Im rückwärtigen Teil sind die zumeist düsteren, flächig und streng durchkomponierten Gemälde der Jahre um 1990 aufgereiht. Zeitweise wollte es Lüpertz offenbar mit Max Beckmann aufnehmen; der ins Spiel gebrachte Name des Barock-Klassizisten Nicolas Poussin wirkt wie ein falsches Alibi. Es war die Zeit, in der Lüpertz sich als unbestreitbarer Meister von Museumsrang empfahl.

Den Versuch, sich als mittelalterlicher Glasfenstermaler anzubieten, gab er 2001 wieder auf. Stattdessen produzierte er lange Serien von bunt kolorierten, mit breitem Stichel offenbar in Bleiplatten geritzten Figurationen angeblicher Grazien. Für die Farbwahl scheint Egon Schiele Pate gestanden zu haben.

Seit 1986 unterrichtet Lüpertz an der Düsseldorfer Akademie, seit 1988 als deren Rektor. Was dabei herauskam, demonstrieren die Lüpertz-Schüler Rolf Behm und Friedrich Dickgießer im großen Studiosaal: Dickgießer mit Bildern von blumigen Stoffmustern, Behm mit wanstigen Blähformen.

Zu verdanken ist die Augsburger Lüpertz-Pflege vornehmlich der Architekten- und Sammlerfamilie Schramml. Ihr verbunden ist nicht nur die Verlegerin Ellinor Holland, sondern auch der Bauunternehmer Ignaz Walter, der Eigentümer des Glaspalastes und Chef der Noah-Galerie. Die Einsicht, dass bei der Umgestaltung der Maximilianstraße ihr Favorit Lüpertz es mit den Renaissance-Brunnen von Hubert Gerhard und Adriaen de Vries nicht hätte aufnehmen können, dürfte sich inzwischend durchgesetzt haben.

Bis 15. Januar, Di. bis Fr. 10-17, samstags, sonntags und an Feiertagen 11-18 Uhr. Telefon 0821/ 815 11 63.

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