Die Raupe Nimmersatt ist Carles bekannteste Erfindung. dpa

Mit Appetit zum Welterfolg

München - Eric Carle, der Vater der „Raupe Nimmersatt“, feiert am Mittwoch seinen 85. Geburtstag.

Alles fing mit einem Hummer an. Weil dem Kinderbuchautor Bill Martin der gemalte Krebs des New Yorker Werbedesigners Eric Carle gefiel, bat er ihn, sein Buch „Brauner Bär, wen siehst denn Du?“ zu illustrieren. Carle sagte zu – und begründete damit seine eigene Weltkarriere als Kinderbuchautor. Allein seine „Kleine Raupe Nimmersatt“ kennen Kinder auf der ganzen Welt. Heute feiert Carle seinen 85. Geburtstag.

Geboren wurde er in Syracuse im Nordosten der USA, seine Eltern waren Deutsche, zuhause wurde Deutsch gesprochen. 1935, Carle war sechs, kehrte die Familie nach Deutschland zurück – und bereute es bitter. Die Eingewöhnung in die inzwischen von den Nazis beherrschte alte, neue Heimat fiel schwer, der Vater musste in den Krieg. Aus russischer Gefangenschaft kehrte er als Wrack heim. Für den kleinen Eric war das Land ein Schock: „In Syracuse hat meine geliebte Lehrerin Miss Frickey meinen Eltern gesagt, ich sei talentiert und sie sollten das unbedingt fördern“, erinnert er sich. „In Deutschland bekam ich von einem gemeinen, wütenden Lehrer in der ersten Woche drei ,Tatzen‘ auf die Hand. Der Schmerz und die Erniedrigung haben mein ganzes neues Leben überschattet.“ Aber da war noch der Zeichenlehrer, der den Zwölfjährigen heimlich mit der Kunst vertraut machte, die offiziell als „entartet“ galt. Und da war das Studium: „Nach der verhassten Schule habe ich acht Semester an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert. Das waren die prägendsten und glücklichsten Jahre und ich werde immer dankbar sein.“ Nach Carles Rückkehr in die USA wurde er 1952 Grafikdesigner bei der „New York Times“ und Art Director bei einer Werbeagentur. Da pinselte er eines Tages jenen Hummer, der Bill Martin auffiel. „Ich bin also aus Versehen Kinderbuchillustrator geworden“, sagt Carle. Er zeichnete die Tiere für Martin – und schwärmt noch heute: „Was für ein anregendes Buch. Man konnte also doch noch etwas ganz Besonderes machen, das Kindern die Freude zeigte, die man in Büchern finden kann.“

„Brauner Bär, wen siehst denn Du?“ wurde erst ein Erfolg, dann ein Klassiker. „Diese Arbeit hat mein Leben verändert: Ich wurde Autor und Zeichner von Kinderbüchern.“ In seinem nächsten Werk ließ Carle eine Raupe sich durch alle möglichen Dinge futtern. Zuletzt wurde aus der „Raupe Nimmersatt“ ein schöner Schmetterling – und ein Welterfolg. In fast 60 Sprachen wurde das Buch übersetzt, mehr als 30 Millionen Exemplare bis heute verkauft. Es folgten fast 70 weitere Bücher.

Eric Carles Stil ist unverwechselbar. Er arbeitet gern mit handbemaltem Papier, das ausgeschnitten und arrangiert wird. Einfach ein Buch sind seine Werke selten, fast immer versteckt sich – gefaltet,  geschnitten,  gebohrt oder geklebt – mehr darin. Sie sind daher immer eine Entdeckungsreise.

Chris Melzer

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