Von der Arbeit besessen

- Das Amt des Hausregisseurs gibt es an der Bayerischen Staatsoper offiziell nicht. Wenn aber einem diese Funktion gebührt, dann ist es David Alden. Über ein Dutzend Inszenierungen hat der New Yorker hier bereits herausgebracht. Seine aktuelle Regie: Francesco Cavallis Barock-Oper "La Calisto", die am Montag im Nationaltheater ihre Münchner Erstaufführung erlebt. Ivor Bolton dirigiert. Das Stück erzählt von der Nymphe Calisto, in die sich Jupiter verliebt. In Gestalt der Göttin Diana bandelt er mit ihr an - was die Gattin natürlich übel nimmt.

Cavallis Opern sind Werke des Übergangs, von der höfischen Kunst zur lebensechten, fast satirischen Charakterzeichnung. Eine besondere <BR>Herausforderung für Sie?<BR><BR>Alden: Für mich ist Cavalli eine der interessantesten Figuren der Opernliteratur. Er schrieb Stücke für ein zahlendes Publikum, also musste es Entertainment sein. Es ist eine wunderschöne Kombination von eleganter, kluger Poesie und populärem Geist.<BR><BR>Unterscheiden sich in "La Calisto" Götter überhaupt von den Erdwesen?<BR><BR>Alden: Die Götter sind sogar viel schlimmer und menschlicher als die Menschen. Das Stück ist auch eine Machtsatire. Zwei Paare stehen im Mittelpunkt: Jupiter und Calisto, Endimione und Diana. Gerade Diana, die Keusche, gestattet sich eine Affäre, belügt sich also ständig. Und das ist sehr fein, sehr psychologisch gezeichnet.<BR><BR>Sie haben hier viel inszeniert. Ist es nicht schwer, bestimmte Erwartungen zu bedienen und Vorheriges übertreffen zu müssen?<BR><BR>Alden: Das könnte man so sagen. Um ehrlich zu sein: Ich habe in den letzten Jahren ein bisschen zu viel gemacht. Sicher, es war wunderbar. Vor allem, weil ich froh war, fast ausschließlich an einem Opernhaus arbeiten zu können und nicht dauernd reisen zu müssen. In meiner Karriere gab es immer Beziehungen mit nur wenigen Häusern. Ich war viel an der English National Opera, auch in Tel Aviv. Dadurch "passiert" es eben, dass die Zuschauer meinen Stil gut kennen. Ich habe zumindest versucht, für jedes Stück eine andere Erzählweise, andere Mittel zu finden.<BR><BR>Sie betreuen, anders als viele Kollegen, oft Wiederaufnahmen Ihrer Arbeiten. Weil Sie die "Babys" nicht loslassen können?<BR><BR>Alden: Das hat sicher etwas damit zu tun. Aber wenn neue Sänger, neue Typen engagiert werden, sollte man auch die Inszenierung verändern. Ich kann es nicht leiden, wenn ein neuer Solist dasselbe wie die Premierenbesetzung machen muss. Meistens sind es ja nur kleine Veränderungen. Und eine Produktion kann dadurch auch wachsen. Nach der Premiere ist die Inszenierung für mich manchmal noch unvollendet.<BR><BR>Wie inszenieren Sie? Kommen Sie mit fertigem Konzept auf die Probe?<BR><BR>Alden: Mindestens ein Jahr vor der Premiere muss das Konzept stehen. Aber in der Probe bin ich froh, wenn ich alles vergessen und improvisieren kann. Und so manchmal zu auch für mich überraschend neuen Lösungen finden kann.<BR><BR>Warum ist eigentlich Barock so populär geworden?<BR><BR>Alden: Das Repertoire ist riesig, und fast alles sind Meisterwerke. Natürlich hängt dies auch mit mit der musikalischen Stilentwicklung seit den 50er-Jahren zusammen, die das Musikhören stark beeinflusst hat.<BR><BR>Vielleicht auch, weil uns die Personen der Barockoper näher, ähnlicher sind als etwa eine Aida?<BR><BR>Alden: Kann sein. Das 19. Jahrhundert litt unter vielen Komplexen, vor allem was den Sex anging. Das macht die Stücke interessant, aber vielleicht auch etwas fremd für uns. Bei Cavalli zum Beispiel wird das Erotische offener, cooler, man könnte sagen moderner behandelt.<BR><BR>Werden Sie nach 2006, nach Ende der Ära Jonas, noch weiter in München inszenieren?<BR><BR>Alden: Das ist eine offene Frage, die der neue Intendant beantworten muss. Ich glaube, dass ich weiß, wer es wird. Und mit diesem Mann hatte ich schon eine künstlerische Beziehung. Aber zunächst sollten erst ein paar Jahre verstreichen ohne David Alden in München. Ich denke, das wäre sehr gut für alle (lacht).<BR><BR>Können Sie sich auch vorstellen, ein Opernhaus zu leiten?<BR><BR>Alden: Ja. Es ist aber problematisch für einen Regisseur, der so viel inszeniert wie ich. Wenn ich arbeite, bin ich sehr schwierig, fast dämonisch, total besessen. Meine menschliche Seite verschwindet ein bisschen. Als Regisseur muss man eben ein wenig selbstsüchtig sein, damit die Sache vorwärts geht. Als Intendant kann ich so allerdings nicht auftreten . . .<BR><BR>Also sind Sie ein unangenehmer Regisseur?<BR><BR>Alden: Ich hoffe, dass sich die Sänger wohlfühlen. Mit dem jeweiligen Opernhaus bin ich streng. Manchmal ist es wie ein Kampf, für die Leute muss es kraftraubend sein, mit mir zu arbeiten. Eben weil ich so obsessiv bin.<P><BR> </P>

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