Archäologische Staatssammlung: „Wir gehen auf den Markt“

München - Der Direktor der Archäologischen Staatssammlung, Rupert Gebhard, über die Groß-Ausstellung „Im Licht des Südens“ und das Wurzelgeflecht Europas.

Kulturaustausch einst und jetzt. „Jetzt“ heißt: 60 italienische, Schweizer, österreichische und deutsche Museen und Sammlungen haben sich zusammengetan, um auf den geistigen und materiellen Handel und Wandel in vorrömischer Zeit zu blicken. Die Ausstellung „Im Licht des Südens - Begegnungen antiker Kulturen zwischen Mittelmeer und Zentraleuropa“, bei der diese Zeitung der Medienpartner ist, wird in München in der Archäologischen Staatssammlung präsentiert (16. Dezember bis 27. Mai). Ihr Chef Rupert Gebhard gibt einen „Appetithappen“.

-Wie kam die Idee zu solch einer Großaktion zustande?

Wir haben jahrelang mit dem Museum Castello del Buonconsiglio Trento zusammengearbeitet - hauptsächlich als Leihgeber - und waren auch in konzeptionelle Überlegungen involviert. Die Idee wurde in dem Dreier-Gremium Franco Marzatico von Trient, Paul Gleirscher aus Kärnten und meine Wenigkeit geboren. Marzatico wollte etwas Großes auf die Beine stellen. Dann haben wir uns herangetastet, und es kam zu der Trienter Ausstellung „Le grandi vie delle civiltà“ („die großen Wege der Zivilisation“, Anm. d. Red.), die für München völlig umgebaut wurde. Wir gehen weg von der üblichen Ost-West-Perspektive, sondern blicken von Nord nach Süd.

-Ein sehr vielschichtiges Konzept. Was genau wollen Sie erzählen?

Die Ausstellung verfolgt in München einen klaren Erzählstrang. Wir wollen vermitteln, dass die Entwicklung, die die Römer fortsetzten, nämlich dass es eine globalisierte Welt, eine römische Einheitskultur gibt, nur denkbar ist durch entsprechende Wurzeln, die weiter zurückgehen. Schon in der Altsteinzeit hat der Mensch große Distanzen zurückgelegt, indem er den Tierherden nachgezogen ist. Und später bildet sich auf diesen Wegen der erste Handel. Außerdem gibt es Rohstoffe, die nicht gleichmäßig verteilt sind. Die will man jedoch besitzen und muss deswegen Entfernungen überwinden. So entstehen Märkte. Die sind Austauschregionen nicht nur für Waren, sondern auch für Ideen, Erfindungen und den gesamten Bereich der Kulturerscheinungen. Das soll anschaulich werden. Daher machen wir das, was der Münchner gern tut: Wir gehen auf den Markt. Dort sieht man, dass es schon in der Jungsteinzeit Dinge gab, die über ganz Europa verbreitet waren. In dem Fall keine exklusiven Kaviardosen, sondern bestimmte Steinmaterialien. Unser Markt beleuchtet darüber hinaus die Vielfalt des Angebots auf römischen Märkten. Damit verbunden ist die Frage: Wie wird gehandelt? Wie entstehen Gewichte, Maßeinheiten, Währungen? Wie ist überhaupt der Wertbegriff? Man kann nur tauschen, wenn man einen Gegenwert festgelegt hat.

-Mit den Handelswegen geht es weiter?

Die nächste Abteilung ist das Verkehrssystem, das in der Antike genauso weiträumig funktionierte wie heute, nur die Geschwindigkeit ist viel geringer. Das ist die Basis: Es gibt ein überregionales Handelssystem, das dann den Austausch von Gedankengut und Lebensstilen fördert. Dazu gehören auch Technologien wie Ackerbau und Metallverarbeitung. Der Mensch neigt einfach zum Globalisieren.

-Heute sind Handel und Wandel leicht zu bewerkstelligen. Die Menschen damals mussten Strapazen auf sich nehmen, ihr Leben riskieren.

Über die Gefahren weiß man wenig. Es gibt die üblichen Schriftquellen, antike Berichte darüber, wie gefährlich die Alpenüberquerung sei. Da lesen wir Ratschläge, man solle tunlichst einheimische Führer engagieren - und einheimische Maultiere. Denn die würden nicht schwindlig werden und herunterfallen. Unfallopfer sind nicht bekannt. Im weitesten Sinne gehört Ötzi zu diesen Menschen. Er ist zwar getötet worden und nicht verunglückt, hat deswegen einen Sonderstatus. Aber er gehört zu denen, die die Strecken überwinden konnten. Der normale Transport wurde vor allem von der örtlichen Bevölkerung durchgeführt. Und die lebte ganz gut davon.

-Das ist die vorrömische Zeit. Aber haben Sie in der Schau auch plakative römische Objekte?

Es geht nicht allein um die vorrömische Epoche. Die Geschichte wird zu Ende erzählt! Und die ganze Ausstellung geht nahtlos in unsere Dauerausstellung über, sodass wir unser Museum komplett bespielt haben. Das ist echte, innovative Museumsarbeit. Besonders schöne Objekte gibt es zu der Abteilung Lebensstil im Wandel. Dazu gehören Lebensmodelle wie der Athletentypus oder zeremonielle Tätigkeiten wie das Symposion.

-Steckt in jener frühen Entwicklung das Wurzelgeflecht unseres Europa-Denkens?

Das ist eine Urstruktur. Dazu gehören Religion, Schrift, Sprache. Man kann es als Basis-Netzwerk bezeichnen. Wie Sie sagen: „Wurzelgeflecht“ - etwas, was unterirdisch vorhanden ist und dafür sorgt, dass der Baum nicht umfällt.

-Die Schau ist ein Kommentar zur aktuellen Euro-Krise...

In gewissem Sinn. Damals gab es einen stabilen, klar definierten Wert. Heute wird mit nicht vorhandenen Werten gehandelt. Das alles ist virtuell. In der Antike hatte eine Goldmünze ihren Wert, und der war festgelegt. Der Unterschied liegt auch in der Dynamik der Krisen: Antike Krisen waren solide Krisen, die haben sich langsam aufgebaut. Heutzutage kann eine Krise allein dadurch entstehen, weil jemand glaubt, dass im Moment eine Krise sei.

-Die Schau wird die Archäologische Staatssammlung wieder ins Licht der Aufmerksamkeit rücken. Hoffen Sie, dass das einen Impuls zur dringend nötigen Sanierung gibt?

Den erhofft man sich mit jeder Tätigkeit des Hauses. Wir haben in letzter Zeit viele internationale Kontakte aufgebaut, um überhaupt solche Präsentationen stemmen zu können. Geld ist immer weniger vorhanden, und man muss schauen, durch kluge Museumspolitik das Publikum weiterhin mit Ausstellungen zu bedienen. Ich mache mir keine Illusionen: Solche Sanierungsentscheidungen benötigen einen politischen Willen. Im Augenblick können wir mit nichts sicher rechnen. Das Bewusstsein, vorhandene Strukturen zu bewahren, ist nicht so groß. Man weicht lieber aus und sucht Neues. Ich hoffe bei der Ausstellung auf die Besucher - auf eine Abstimmung mit den Füßen.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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