Architekt Stephan Braunfels über die "Johanna"-Oper seines Großvaters

Berlin - 1942 wurde die Partitur abgeschlossen, doch erst am kommenden Sonntag ereignet sich die szenische Uraufführung: Die Deutsche Oper Berlin hat sich den "Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna" von Walter Braunfels angenommen, es dirigiert Ulf Schirmer.

Maßgeblicher Initiator ist der Enkel des Komponisten, der Münchner Architekt Stephan Braunfels, der unter anderem die Pinakothek der Moderne und das Berliner Abgeordnetenhaus entwarf. Die Uraufführung der "Johanna" drohte beinahe zu platzen: Regisseur Christoph Schlingensief ist dem Vernehmen nach an Lungenkrebs erkrankt. Seine Mitarbeiter inszenieren nun nach seinen Skizzen und nach seinen Anweisungen, die er vom Krankenbett aus gibt.

Wie kam dieses Projekt zustande?

Zunächst gab es 2001 die konzertante Uraufführung in Stockholm, danach ein Konzert in München, jeweils unter der Leitung von Manfred Honeck. Ich hatte den damaligen Staatsopern-Chef Peter Jonas in den Gasteig eingeladen. Als der nicht reagierte, dachte ich: Dann wende ich mich gleich an die Deutsche Oper Berlin. Udo Zimmermann, der sie seinerzeit führte, zeigte sich begeistert. Bekanntlich musste er gehen. Als seine Nachfolgerin Kirsten Harms mit ihrem Dramaturgen Andreas Meyer wegen eines Braunfels-Werks auf mich zukam, sagte ich: Da könnt ihr gleich eine Uraufführung haben! Gleichzeitig buhlte Honeck, der Chefdirigent in Stuttgart wurde, um das Werk - ich musste ihn also enttäuschen.

Warum braucht Walter Braunfels einen solchen Anwalt wie seinen Enkel?

Es bräuchte noch viel mehr Menschen wie mich. Mein Großvater ist mein Hobby, aber nicht mein Hauptberuf. Deshalb habe ich ja auch eine Braunfels-Gesellschaft ins Leben gerufen, die so prominente Mitglieder wie Lothar Zagrosek, Manfred Honeck, Ulf Schirmer, Andreas Homoki, Juliane Banse und René Pape hat. Auch die Schreker-Renaissance hätte ohne ihre Unterstützergesellschaft nie stattgefunden. Interessant ist, dass sich immer Musiker für Braunfels engagieren, Intendanten weniger.

War es ein Schock, als Sie erfuhren, dass Christoph Schlingensief für die Uraufführung engagiert wurde?

Natürlich. Wobei ich ihn überaus gern mag. Er ist einer der interessantesten, witzigsten, intelligentesten Menschen, die ich kenne. Insgeheim hatte ich gehofft, Nikolaus Lehnhoff würde Regie führen. Ich habe eben durch meinen strengen Minimalismus eine ganz andere ästhetische Haltung als Schlingensief. Was ich von den Proben gesehen habe, finde ich aber sehr interessant. Diese Braunfels-Oper ermöglicht und verträgt vieles - Regisseure von Schlingensief bis Robert Wilson.

Warum wird eigentlich nicht offen über Schlingensiefs Erkrankung gesprochen?

Weil er es so möchte. Er gibt auch keine Interviews. Ursprünglich hatte er ja die Produktion zurückgegeben. Jetzt betreuen seine Mitarbeiter die Inszenierung, und die hängen sich 150-prozentig rein. Es ist eine Schlingensief-Inszenierung ohne Schlingensief. Sie hat große Ähnlichkeit mit seinem Bayreuther "Parsifal". Und das bekommt dem Werk erstaunlich gut.

Die "Johanna" ist Ausdruck eines tiefen Glaubens. Wie haben Sie die Religiosität des Großvaters erlebt?

Er war für mich wie eine Leonardo-da-Vinci-Gottvater-Figur. Ich habe ihn ja nur als Kind kennengelernt. Nach seiner Konversion zum Christentum wurde er ein emphatischer, bekennener Katholik, davon kündet besonders das "Te Deum". Immer wenn ich ihn während der Ferien in seinem Haus in Überlingen besuchte, merkte ich, wie fromm diese Familie eigentlich ist. Er ist da Bruckner sehr ähnlich - wie auch in seiner Musik.

Und warum hat er es in der gegenwärtigen Musikszene so schwer?

Das Schöne ist: Wenn seine Musik aufgeführt wird, ist sie erfolgreich. Das sieht man allein an der Rezeption der Oper "Die Vögel". Ohne die Nazi-Zeit, in der diese Werke verboten waren, wäre gerade diese Oper ein Repertoire-Stück geworden. Allerdings glaube ich auch, dass im Ergebnis die Ächtung durch die Nachkriegsmoderne schlimmer war als zwölf Jahre Nazi-Zeit. Manchmal glaube ich, Walter Braunfels hat in England und Amerika noch eine große Karriere vor sich, weil dort Musik unbefangener aufgenommen wird. Ich bin erst zufrieden, wenn die "Johanna" an der Met gespielt wird, das ist mein Langzeitziel.

Sind Sie denn schon Nikolaus Bachler, dem künftigen Intendanten der Bayerischen Staatsoper, lästig geworden?

Lästig möchte ich nicht sein, dafür ist diese Musik zu gut. Ich versuche es freundlich und locker. Und sicher wird es zum Gespräch mit Herrn Bachler kommen. Mit Peter Jonas gab es ein Riesenmissverständnis. Erst kurz vor seinem Weggang aus München brachte ich ihm "Die Vögel", und er fiel aus allen Wolken: "Warum wusste ich nicht zehn Jahre früher davon?!" Das hat mir gezeigt: Man darf nicht zu schüchtern sein.

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