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Nit der Reanimierung einer „Aida“ von 1913 wird in der Arena di Verona die glorreiche Vergangenheit beschworen.

FESTIVAL-PORTRÄT

Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen

Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.

Verona - Ein Mythos. Hort der Afficionados und Opernverrückten. Und dann diese unzähligen Geschichten: Hobbytenöre, die im antiken Rund aufstehen und dem – nach Meinung solcher Westentaschen-Carusos – ungenügenden Sänger seine Arie vorschmettern. Elend lange Fahrten von Fans in schlecht klimatisierten Bussen. Oder eine verreckte Benzinpumpe à la Gerhard Polt, die eine unruhige Nacht im Auto erzwingt. Aber die legendären Zeiten der Arena sind vorbei, so scheint es. Die großen Namen sucht man heute auf den Besetzungszetteln vergeblich, der unverwüstliche Baritenor Plácido Domingo macht da heuer mit einem Zarzuela-Konzert die Ausnahme. Passé die Zeiten, als er noch als viriler Tenorissimo seine Partnerin Birgit Nilsson in einer Vorstellung so feurig küsste, dass die danach einen Infekt mehrere Wochen mit sich herumschleppte. Oder als ein gewisser Luciano Pavarotti im Publikum derart laut mit „Biiiisss!“ nach Zugaben trompetete, sodass Franco Corelli die Sternen-Arie in Puccinis „Tosca“ tatsächlich noch ein zweites Mal sang.

Kartenbetrug im großen Stil

Wenn die Fondazione Arena di Verona derzeit auf sich aufmerksam macht, dann mit Negativem – auch wenn sie zum Teil gar nichts dafür kann. Ins Visier der Justiz ist Rainer K. geraten, der auf seiner Homepage www.arena-verona.de mutmaßlich Kartenbetrug im großen Stil betrieb. Er hat offenbar Firmen wie Privatkunden um ihr Geld gebracht, indem er Tickets online zum Verkauf anbot. Die Bestellungen, von hunderten Fällen ist die Rede, waren allesamt wertlos, Rainer K. besaß die Karten gar nicht.

Schon 2009 ging die Stiftung der Arena gegen ihn zivilrechtlich vor, allerdings mit geringem Erfolg. K. hatte einen Wohnsitz im Ausland, was „Probleme der Vollstreckbarkeit“ von Urteilen mit sich bringt, so wird das Amtsgericht München I zitiert. Jetzt erst sollen vor der Kammer 113 Fälle verhandelt werden, dem Angeklagten drohen mehrere Jahre Haft.

Zuschauerzahlen gehen zurück

Bei der Fondazione ist Corrado Ferraro für Marketing und Vertrieb verantwortlich. Er bemüht sich in der Affäre um Optimismus. Alles laufe bestens, so wird betont, die Saison 2018 sei bereits geplant, unter anderem soll eine Neuinszenierung von Bizets „Carmen“ herausgebracht werden – womit man übrigens in Konkurrenz zu einem weiteren Freiluft-Spektakel tritt: Im kommenden Jahr werden die Bregenzer ein weiteres Mal ihre „Carmen“-Version auf der Seebühne zeigen.

Jede Spielzeit eine neue Produktion, das fordert für Verona der Sanierungsplan von Carlo Fuortes. Er war im April 2016 vom italienischen Kultusministerium zum kommissarischen Verwalter der Festspiele ernannt worden. Die standen im vergangenen Jahr mit einer Verschuldung von 25 Millionen Euro haarscharf vor dem endgültigen Aus. Doch Fuortes hat Erfahrungen mit siechenden Kulturinstitutionen. Als Chef der römischen Oper glückte ihm im Zusammenwirken mit den Gewerkschaften ein radikaler Schnitt. Er handelte Verträge neu aus und stellte anspruchsvolle Spielpläne zusammen. Seitdem läuft es im Musiktheater der Hauptstadt.

Ähnliches erhofft man sich nun in Verona, denn auch hier sind die Probleme vielfältig. Neben alten Verträgen, die enorme Personalkosten verursachen, sinken seit Jahren die staatlichen Zuschüsse. Der angekratzte Mythos der Arena ist beispielhaft für den Niedergang der großen Kultur- und Opernnation Italien. Zudem gehen in Verona die Zuschauerzahlen zurück, die Konkurrenz wird immer größer. Ein Opern-Open-Air ist lange schon kein Alleinstellungsmerkmal mehr, andernorts gibt es ebenfalls große Arenen, ansprechende landschaftliche Kulissen und packendes Musiktheater.

Verärgerung über die „Wetterregularien“

Die Busse, meist vollbepackt mit Alemannen, werden weniger, auch weil sich viele über die „Wetterregularien“ ärgern. Bis zu zweieinhalb Stunden darf die Fondazione bei Regen den Beginn der Vorstellung nach hinten schieben. Vorher abgesagt wird nie, da kann es noch so aus Kübeln gießen. Und wenn der erste Akt gespielt ist, sind alle Ersatzansprüche verwirkt. Deswegen soll jetzt ein mobiles Faltdach für Besserung sorgen, eine raffinierte Konstruktion der Stuttgarter Firma Schlaich Bergermann Partner. Ohne Sichtbehinderung und in 30 Minuten ausfahrbar, kostet das Dach mindestens 3,5 Millionen Euro. Die klamme Stiftung hat sich schon an einen Sponsor herangemacht: „Calzedonia“, ein Unterwäschehersteller.

Trikotähnliche Kostüme gibt es heuer auch bei der „Aida“ in der rekonstruierten Fassung von 1913. Mit ihr begann alles, zu Verdis 100. Geburtstag. Die Frischzellenkur der Neueinstudierung besorgte jetzt der 92 Jahre alte Regisseur Gianfranco de Bosio, kommendes Jahr wird wieder die Version des dann 95-jährigen Franco Zeffirelli gespielt. Vielleicht auch nicht unproblematisch…

Die szenischen Tableaus sind allerdings sehr stimmungsvoll. Immer gibt es was zu entdecken, zu bestaunen, zu schmunzeln. Solche Dimensionen gekonnt zu bespielen, ist halt auch eine Kunst. Andrea Battistoni dirigiert einen Verdi, den man international suchen muss: zupackend, klangschön, temposicher. Gesungen wird auf hohem Niveau, besonders Maria José Siri in der Titelrolle begeistert mit warmer, großer Stimme, die auch im Leisen trägt. Die Amneris singt Giovanna Casolla. Ein verstohlener Blick auf das Smartphone der kundigen Sitznachbarn aus Österreich offenbart: Die Mezzosopranistin ist 72. Es gibt sie also noch, die echten Arena-Legenden.

Von Maximilian Maier

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