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Die Seele des Soul-Epos

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Von: Marco Schmidt

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Als wäre sie für diese Rolle geboren: Jennifer Hudson als Aretha Franklin.
Als wäre sie für diese Rolle geboren: Jennifer Hudson als Aretha Franklin. © Q. D. Colbert

Der Weg zum Ruhm war für Aretha Franklin ein steiniger. Davon erzählt der neue Kinofilm mit Jennifer Hudson.

Berühmt wurde sie als „Queen of Soul“ – doch der Weg zum Ruhm war für Aretha Franklin ein steiniger. Davon erzählt eine Filmbiografie, die nicht im Schweinsgalopp von der Wiege bis zum Grab durchs ganze Leben dieser außergewöhnlichen Frau jagt, sondern sich auf zwei Jahrzehnte konzentriert. Alles beginnt und endet in einer Kirche: „Respect“ spannt einen Bogen von den ersten Wunderkind-Auftritten als Gospelsängerin Anfang der Fünfzigerjahre  in Detroit bis hin zur Aufnahme des berühmten Live-Albums „Amazing Grace“ 1972 in Los Angeles.

„Respect“ der neue Kinofilm über Aretha Franklin

So erleben wir, wie Franklin kurz vor ihrem zehnten Geburtstag den plötzlichen Tod ihrer geliebten Mutter verarbeiten muss – und wie sie schon als Kind sexuell missbraucht wird. Mit zwölf bekommt sie ihren ersten Sohn, mit 15 ihren zweiten. Mit 18 unterschreibt sie den ersten Plattenvertrag und singt zunächst Popsongs mit schnulziger Streicherbegleitung. Doch allmählich schafft sie es, ihre persönlichen Vorstellungen zu verwirklichen.

Es ist die Geschichte einer Musikerin, die ein sensationelles Gesangstalent besitzt, aber erst ihre eigene Stimme finden muss. In einer Zeit, in der afroamerikanische Frauen in den USA so gut wie nichts zu sagen haben, erkämpft sich Aretha Franklin Respekt – und emanzipiert sich von dominanten Männern: etwa von ihrem Vater, einem berühmten Baptistenprediger, oder von ihrem ersten Ehegatten und Manager, einem gewalttätigen Zuhälter.

Der Film zeigt auch ihr zwischenzeitliches Abdriften in die Alkoholsucht und ihr Engagement in der US-Bürgerrechtsbewegung, ihre enge Freundschaft zu Martin Luther King, ihren Einsatz für Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit, der heute im Kontext der „Black Lives matter“-Bewegung wieder hochaktuell erscheint. Während die Privatperson Aretha Franklin nicht recht greifbar wird, erfährt man viel über die Künstlerin: Besonders gelungen sind die Szenen, in denen es um ihre Musik geht, vor allem um deren Entstehung. Wenn sie etwa am Klavier improvisiert, Ideen in den Raum wirft und diese mit ihren Mitstreitern langsam zu Liedern formt. Faszinierend auch, wie sie den Song eines Mannes, nämlich „Respect“ von Otis Redding, in eine Hymne für unterdrückte Frauen verwandelt. Ansonsten ist diese opulent ausgestattete, konventionell inszenierte und erstaunlich humorlose Hommage an diese doch eigentlich so pfiffige Persönlichkeit mit fast zweieinhalb Stunden etwas zu lang geraten – und leider nicht annähernd so brillant wie Franklins Gesang.

Sehens- und hörenswert ist sie trotzdem, und zwar wegen der umwerfenden Hauptdarstellerin: Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson („Dreamgirls“), von Franklin höchstpersönlich für diese Rolle auserwählt, verkörpert die 2018 verstorbene Soul-Ikone Aretha Franklin so, als wäre sie just dafür geboren worden. Ihre strahlende Stimmgewalt fegt mühelos jeden Klischee-Anflug beiseite; ihr erneut oscarreifes, quicklebendiges, intensives  Spiel ist die Seele dieses Soul-Epos. Dabei singt sie sich buchstäblich die Seele aus dem Leib. Und sie verfügt nicht nur über die nötige Begabung, sondern auch über den nötigen Schneid, um Aretha Franklins legendäre Lieder live vor der Kamera neu zu interpretieren. Respekt!

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