Der Armani unter den Choreographen

- Wenn alles so gut und fein wird wie soeben beim Auftakt mit zwei Stücken von Charles Linehan, können wir uns auf eine interessante Tanzwerkstatt Europa (bis 14. 8.) freuen. Der Brite Linehan, zum ersten Mal in München, aber bereits seit zehn Jahren erfolgreicher Compagnie-Chef, hebt sich wohltuend von der breiten Masse der routinierten Beweger ab. Sowohl was seinen hocheleganten reduzierten Stil als auch Lichtdesign und Musikwahl betrifft, ist Linehan, im besten Sinne: der Armani des zeitgenössischen Tanzes.

<P>Sich abzuheben ist heute ja nun wirklich nicht mehr leicht, wo eigentlich alle Choreographen ein unheimlich vielfältiges Schrittmaterial auffahren können und auch so gut wie alle Tänzer Freistil-Virtuosen sind. Solche doppelte Fertigkeit bewirkt beim Zuschauer letztlich Übersättigung, wenn nicht Überdruss.</P><P>Linehan arbeitet dem entgegen mit optischer Sparsamkeit und Formenstrenge: In die Muffathalle fällt Licht nur durch eine Reihe von hinten oder seitlich aufgehängten Scheinwerfern (Mikki Kunttu: ein Schwarz-Weiß-Künstler). In dem Zweipersonen-Stück "Grand Junction" (2002) und in "New Quartett" (2003) kommen die Tänzer wie beiläufig aus dem Dunkel: entweder für längere Duette oder solistische Auftritte. Wobei auch zwei zwar gleichzeitig, aber in einiger Entfernung und bewegungsmäßig ganz verschieden ablaufende Soli auf geheimnisvolle Weise miteinander korrespondieren.</P><P>Und dies, weil Linehan einen gemeinsamen atmosphärischen Raum schafft aus der Spannung, die sich ergibt zwischen den minimalistisch soghaften Musiken (u. a. Gate, Julian Swales, William Basinsky) und einer hohen Konzentration der ausgeführten Bewegung. In diesen Meta-Raum wird der Betrachter unweigerlich hineingezogen, hingezwungen auf diese nicht fließenden, aber immer aus unglaublich entspannten Gelenken, vor allem aus einer entspannten Psyche kommenden Bewegungen: Delphin-ähnlich abtauchende Oberkörper, rudernde Wegweiser-Arme, reibungslos-bizarre Drehungen auf den Knien, rätselvolle Sphinx- und lautlos rasend sich verhakende Partner-Figuren.</P><P>Linehan gelingt, was höchst selten ist im zeitgenössischen Tanz: über die abstrakte Bewegungsform zu einer Innerlichkeit vorzustoßen.</P>Heute Jonathan Burrows & Matteo Fargion ("Both Sitting Duet"), Muffathalle, 20.30 Uhr; Karten: Telefon 089/721 10 15.<BR>

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