Armstrongs Weißer

- "Jazztime", das ist kein Bekenntnis zum Inhalt, es steht als Synonym für die 20er-Jahre der USA: Jazz - neben Prohibition, Gangstern, Wirtschaftskrise. Amerikas erste eigenständige Musik in ihren schmutzigen Anfängen, unerkannt und missbraucht. Eine Welt, die "Pulp Fiction" oder "L.A. Confidential" näher scheint als dem St. Louis Blues. Mitten drin Henry Smart, der Flüchtling aus Irland mit blutiger IRA-Vergangenheit, in lebensgefährlicher Illegalität zwischen Italienern, Juden und ihn verfolgenden Landsleuten.

"Jazztime" - das ist die Geschichte von einem irischen Rebellen, der zum amerikanischen Vagabunden degeneriert.

Von Henry Fonda gerettet

Roddy Doyle, 1958 in Dublin geboren, kam erst spät über den Lehrerberuf zum Schreiben. Gleich im ersten der vier unterscheidbaren Romanteile von "Jazztime" wird man von Doyles stilistischen Eigenheiten überfallen: der Vulgarität seiner Terminologie, dem rüden Ton seiner oft bizarren Dialoge, seiner dezidierten Anpassung an das erwählte Milieu. Mit dem Montagehaften, dem Puzzle aus Personen, Orten, Zeiten braucht man nicht unbedingt klarzukommen, seine Wirkung entsteht gerade aus der Verwirrung. Renate Orth-Guttmann hat das alles einprägsam ins Deutsche übertragen, einschließlich der recht unverblümten und oft unvermittelt eingestreuten Sexualfantasien.

Der Jazz kommt erst nach 172 Seiten ins Spiel: Smart oder Glick, oder wie immer er sich nennen mag bzw. muss, begegnet Louis Armstrong und ist sofort fasziniert von der neuen Musik und vom Charisma des Musikers. Er wird "Armstrongs Weißer". Armstrong bindet Smart an sich, weil auch er einen Fan braucht, dem er vertrauen kann und der für alles zuständig ist, was einem Schwarzen verwehrt wird. Zuerst in Chicago, wo en passant Jazzgeschichte anklingt: Albert Ammons und seine Tailgate-Band, Bobby Dodds und Joe Oliver, Lil Hardin (die erste Frau Armstrong), Earl Hines und der zumindest im Roman intrigante Zutty Singleton. Doyle schildert so glaubhaft die primitive Studioszene mit den schlechten Aufnahmebedingungen, dass Fiktion und Historie zu verschwimmen scheinen.

Louis und Henry, fast gleich alt, sind ständig pleite, brechen auch gelegentlich gemeinsam ein und machen sich schließlich - mit vagem Ziel - auf den Weg nach New York. Auch ein kurzes Wiedersehen mit Frau und Tochter kann Henry nicht zurückhalten. Aber in Harlem gibt es Schwierigkeiten, gegen die "organisierte Musik" von Duke Ellington anzukommen, und Armstrong, der ja tatsächlich alles "konnte", schwenkt unter den Fittichen seines neuen Agenten von Blues auf Tin Pan Alley ein. Die Beziehung Henrys zu seinem Idol versickert, die beiden brauchen einander nicht mehr. Henrys "Halbschwester", bisher quasi leitmotivisch in die Handlung verwoben, tritt nun als Sektengründerin in den Vordergrund. Über Sister Flow alias Florence McKendrick schrieben auch F. Scott Fitzgerald und Walter Winchell.

Der vierte Teil ist eine Familiengeschichte: Wieder vereint und um Sohn Rifle vergrößert, fahren sie zu viert als "Hobos" quer durch die Staaten - man denkt an Jack Kerouac. Sie kämpfen gegen das soziale Elend, das eigene wie das allgemeine. Henry verliert ein Bein, bleibt allein zurück und kommt auf der Suche nach den Seinen wieder nach Chicago, "aber die Musik war nicht mehr da". Im Radio hört man jetzt Benny Goodman und Bing Crosby - und Louis Armstrong.

Vollends irreal das Finale: Henry Smart, der sich selbst schon tot glaubte, wird bei Außenaufnahmen in unwirtlicher Gegend von Henry Fonda gerettet. Auch John Ford und Victor Mature sind dabei. Ausgeblendet.

Roddy Doyle: "Jazztime".

Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann.

Carl Hanser Verlag, München, Wien, 480 Seiten; 24,90 Euro.

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