Armut und Antike

München - Die Alte Pinakothek rückt den „Brennpunkt Rom – Sébastien Bourdons Münchner ,Kalkofen‘“ in den Mittelpunkt.

Kalkofen auf einem Gemälde – klingt nicht wirklich spannend, auch wenn die Alte Pinakothek mit dem Titel „Brennpunkt Rom – Sébastien Bourdons Münchner ,Kalkofen‘“ schon ein paar Lockstoffe versprüht. Was ist denn nun mit diesem Franzosen (1616-1671), Rom, München und dem frühen Technologie-Objekt? Wenn der Besucher dieser Ausstellung dann dem Gemälde „Ein römischer Kalkofen“ (um 1637) entgegentritt, weiß er: Das ist spannend. Schon die Maße von zweieinhalb auf knapp zwei Meter signalisieren, dass da einer großes Theater bieten will. Und die Farben zwischen dräuend düsterem Grauschwarz und grellem Kalkweiß, zwischen Rot speiender Feuersglut und sanfter Abendröte spielen natürlich eine Hauptrolle. Sie setzt der 21 Jahre junge Kerl, der 1636/37 in der Ewigen Stadt arbeitete, als emotionalen Kitzel ein.

Mit effektvollen Kulissen spart er ebenfalls nicht. Der Ofenschlund kontrastiert mit monumentalen antiken Rundbauten: im Hintergrund die Engelsburg, mächtig vorne das Grabmal der Caecilia Metella. Das hat Bourdon kurzerhand vom Stadtrand ins Innere gezaubert – Theater darf das. So hineingezogen, widmet sich der Betrachter gern den Szenen auf der Bühne. Und da gibt es sehr viel zu entdecken: vom Kalkhändler an der Waage über die kartelnden Männer bis zum Flohfänger und dem Typen, der sich gerade seinem Stuhlgang widmet. Viel gearbeitet wird am Ofen nicht. Er scheint eher Anziehungspunkt für Spieler, Brotzeitmacher und Bettler zu sein. Man kann seine Lumpen am Feuer trocknen und mal etwas brutzeln; vielleicht die Katze, die einer gerade häutet.

Sébastien Bourdons „Kalkofen“ führt also eine Komödie des Alltagslebens auf. Ohne Helden, Götter, Könige und Schurken. Dass all das eine Fiktion ist, macht die Schau im ersten Teil, „In Rom“ genannt, mit vielen anderen Kalkofen-Szenerien klar. Kuratorin Elisabeth Hipp, Referentin für Französische und Spanische Malerei bis 1800, betont: „Das Genrebild ist keine Dokumentation.“ Genrebilder wurden bevorzugt von Niederländern gemalt und nachgefragt. Die Geldigen belustigten sich offenbar über Episoden mit angeblich so simplen Bauern, Armen, Bettlern und anderen Außenseitern. Seltsamerweise scheint sich kaum jemand geschämt zu haben, obwohl man nicht versucht hat, Armut wirkungsvoll einzudämmen. Es blieb beim Almosengeben und der Speisung an der Klosterpforte.

Der Franzose Bourdon ließ sich von dieser Malerei, die der Niederländer Pieter van Laer mit römischem Flair (und eben Kalköfen) angereichert hatte, inspirieren. Wahrscheinlich hatte Bourdon, so Hipp, einen potenten Auftraggeber, der sich von ihm ein Mega-Genrebild wünschte. Normalerweise waren die relativ klein, also wohnungstauglich. Faszinierend war für den Künstler wohl außerdem das symbolträchtige Aufeinanderprallen von hehrer Vergangenheit und banalem Heute sowie von Vergänglichkeit und Vitalität. Denn aus dem Marmor der alten Bauten brannte man (nicht nur) in Rom den Kalk für den Mörtel neuer Gebäude. Das Monumentale, das hier der Barockmaler bereits in Szene setzte, erweiterte er später in Frankreich – er war übrigens schon mit sieben Jahren Malerlehrling geworden – als hoch angesehener Künstler. Jetzt waren es die noblen Sujets, die zählten: Episoden aus Bibel und Mythos. Das zweite Hauptwerk, das die Alte Pinakothek von ihm besitzt, ist „Die Befreiung der Andromeda“ (um 1650). Das Ungeheuer, dem Prinzessin Andromeda geopfert werden sollte, ist besiegt. Held Perseus wäscht sich gerade das Blut von den Händen, während Gott Eros die verschreckte Dame in seine Richtung zerrt. Arme Leute haben hier nichts verloren, aber die antike Ruinenkulissen – ganz hinten eine Art Engelsburg – nutzte der Franzose immer noch gern.

Wie im „Rom“-Saal sind im „Frankreich“-Saal zahlreiche Leihgaben versammelt, die Sébastien Bourdons Entwicklung (ohne die Porträts für die schwedische Königin Christina; 1653) und sein künstlerisches Umfeld ausleuchten. Immer mit Rückkopplung an die Antike, die nach der Renaissance zwar gelockert war, jedoch nicht abriss und sich später mehr und mehr, gipfelnd im Klassizismus, verstärkte. In einem dritten Raum erklärt Elisabeth Hipp mit alten Darstellungen und einem BR-Film, wie das Kalkbrennen tatsächlich funktioniert. Darüber hinaus zeigt sie anhand eines Rom-Stadtplans aus dem späten 16. Jahrhundert, dass es dort tatsächlich überall Kalköfen gab. Der „Ofen“ von Bourdon war übrigens so spannend für die Herrschaften einst, dass die bayerische Kurfürstin Maria Anna ihn sich sogar in ihr Schlafgemach hängen ließ.

Simone Dattenberger

Bis 18. Mai

täglich außer Mo. ab 10 Uhr; Eingang Klenzeportal/Barer Straße; Katalog: 28 Euro.

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