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Aufgepumpt zur monumentalen Tragödie wird die „Lady Macbeth“ mit Nina Stemme (in Weiß) als Titelheldin. 

Premiere von „Lady Macbeth von Mzensk“ bei den Salzburger Festspielen

Armutszeugnis im Plattenbau

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Mariss Jansons rettet die Salzburger Festspiel-Premiere von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Salzburg – Hier die Gala-Gemeinde, eben noch mit Champagner, Lachsschnittchen oder dem kleinen Braunen zwischen den spitzen Fingern, dort der Blick ins Dunkle, in die Misere des Prekariats, dessen Tragödie zum wohligen Erschauern vorgeführt wird: Aus dieser Falle kommt Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ nie heraus. Genauso wenig wie ein Bruder im Geiste, Alban Bergs „Wozzeck“, oder die viel populärere „La bohème“ von Giacomo Puccini. Das Elend und seine zahlenden Voyeure: Ein Grundproblem ist das, nicht nur der Oper. Kreative Energie, kritisches Potenzial, Einsichten über beide Seiten der Rampe, all das lässt sich aus diesem Gegensatz trotzdem gewinnen, ist vielleicht sogar die Pflicht hinterfragender Theatermacher.

Doch dafür müssten die Voraussetzungen andere sein. Nicht so wie heuer bei den Salzburger Festspielen, wo endlich der 74-jährige Mariss Jansons in den Graben geholt wurde zu einem seiner seltenen Operneinsätze, um diesen nach drei Premierenstunden als Triumphator zu verlassen. Der Star war also gesetzt. Und die dazu gebuchten Beilagenmänner lieferten: Dass Andreas Kriegenburg (Regie) und Harald B. Thor (Bühne) ein Großformat füllen können, haben sie nicht zuletzt bei Zimmermanns „Die Soldaten“ an der Bayerischen Staatsoper gezeigt. Und weil auch in Salzburg – angeblich – das Intime nichts taugt, gibt es also kein kleines, dreckiges Hinterhofdrama, sondern monumentale, zerschossene Plattenbauwände, bei denen man um die Fundamente des Großen Hauses fürchtet, für ein zum Giga-Ereignis aufgepumptes Tragödien-Festspiel.

Was sich Schostakowitsch als Panorama der Unterdrückung, der Triebe, Gewalt und bizarr verzerrten Lustbefriedigung dachte, wird bei Kriegenburg zum wuseligen Bilderbogen, dem eine Ballettnummer gerade noch gefehlt hätte. Wobei: Der Komponist selbst wollte ja auch Satirisches, baute Selbiges in die Partitur ein bis hin zum berühmten, nach musikalischer Erektion erschlaffenden Posaunenton. Man merkt Kriegenburg dies auch an, das Bemühen, Tragödie und Groteske und vieles andere mehr irgendwie zusammenzubekommen. So schieben sich aus den Fassaden immer wieder Zimmerschubladen heraus, ob Katerinas einst schickes Schlafzimmer oder das mit Akten sorgsam bestückte Büro des Gatten Sinowi, der ein Leben als verdruckster, kastrierter Bürohengst fristet. Effektvoll fließt das Blut auf Sergejs Rücken nach den Peitschenhieben, Polizisten lassen kichernd die Stricknadeln klappern, und manchmal taucht eine raumhohe, wackelnde Projektion die Szene ins Surreale, Filmexpressionistische.

Kriegenburgs wuseliger Bilderbogen

In all der überbordenden Sowjet-Szenerie und im (zu) braven Realismus versickern die kleinen, ambitionierten Anfälle Kriegenburgs und auch Ansätze zu Charakterstudien, die etwas quer zur Aufführungsgeschichte liegen. Nina Stemme zum Beispiel, vokal und von der Physiognomie her kein aufbrausender Twen, sondern reife, wissende Frau, könnte eine Katerina sein, die in Lover Sergej eine der letzten Möglichkeiten zur erfüllten Beziehung sieht. Mehr Marschallin als Salome gewissermaßen, um in den Kategorien von Richard Strauss zu denken. Das blitzt ein paar Mal auf, doch die existenzielle Verzweiflung, die Triebsteuerung nimmt man dieser Titelheldin kaum ab. Weil die Stemme, so scheint es, Gesten eher erfüllt statt erfühlt. Und weil sie, eine große Wagner-Heroine, mit hochdramatischer, flackernder Emphase nicht das rechte Rollenrezept findet, zudem (ein paar schlecht abgesicherte Töne zeigen das) nicht auf 100 Prozent ist.

Den größten Eindruck hinterlässt in dieser Premierenbesetzung, das bringt den Abend leicht aus der Balance, Dmitry Ulyanov als Boris, der seine bass-schwarze Urgewalt in den Raum klotzt. Brandon Jovanovich funktioniert bestens als Sergej mit Cowboy-Posen und Testosteron-Tenor, der eher lyrische Maxim Paster könnte vom (Stimm-)Typ her zu ihm keinen größeren Gegensatz bilden. Gerade hier zeigt sich, wie wenig Kriegenburg diese Angebote nutzt, stattdessen mit dem Ausstellen von Emotionen und Situationen beschäftigt ist und kaum Motivationen begründet. Wenn’s knifflig wird, sind Solisten und der robust singende Wiener Staatsopernchor ohnehin zum Blick ans Pult verdonnert, wo Mariss Jansons seine Ehrfurcht gebietende Kompetenz ausspielt.

Saftig spielende Wiener Philharmoniker

Das Dreckige, Schmuddelige ist auch seine Sache nicht, der sich (da trifft er sich mit den saftig spielenden Wiener Philharmonikern) selbst im größten Aufruhr immer als Ästhet begreift. Auch wenn also die Partitur Gift und Galle spuckt: gute Erziehung muss sein. Für die „Lady Macbeth“ bietet das sogar, mal dialektisch gedacht, nur Vorteile. Was Jansons nämlich nicht passiert: diese so starke Musik als naturalistisches Abbild misszuverstehen, was sie letztlich ja zum Soundtrack stempeln würde. Immer ist künstlerische Überformung, auch Draufsicht auf die Partitur zu spüren, kein Sich-Verlieren.

Der Chef des BR-Symphonieorchesters geht dabei sehr weit, vor allem in der Dynamik. Ein so eruptives Dirigat, so energiegeladen und intensiv, ward im Großen Festspielhaus selten erlebt. Doch neben der klangvollen Drastik, die in Mark, Bein, Bauch und, das ist ja das Schöne bei Jansons, auch ins Hirn zielt, gibt es die mikrokosmischen, fein ausgehörten Momente, in denen die Philharmoniker ihre Solo-Geschenke reichen. Wie Jansons das alles abschmeckt und einpasst, wie er auch den Effekt bedient, ohne sein Dirigat daran zu verraten, ist tiefschürfender als das, was das jubelnde Publikum zu sehen bekommt. Tschaikowskys „Pique Dame“ soll für Jansons in Salzburg als nächstes folgen. Ein Regisseur steht wohl noch nicht fest. Nach der aktuellen Erfahrung darf gern genauer überlegt werden.

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