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Autor Arno Geiger

Arno Geiger: Neues Buch über Alzheimer und seinen Vater

München - Arno Geiger hat ein Buch über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters geschrieben. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein bewegendes Werk mit zart-absurder Komik und fast surrealer, valentinesker Poesie.

August will nach Hause. Dabei sitzt er schon in der Küche seines Hauses, wo er seit Jahrzehnten lebt und das er einst selbst gebaut hat in einem Vorarlberger Dorf. Aber das weiß August Geiger nicht mehr, so wie er auch seine Kinder nicht mehr erkennt, sondern für Fremde hält. Der alte Mann leidet an Alzheimer, und darüber hat sein Sohn jetzt ein bewegendes Buch geschrieben: „Der alte König in seinem Exil“ heißt dieses Werk des vielfach ausgezeichneten österreichischen Autors Arno Geiger. Von dem etwas verklärenden Titel sollte man sich allerdings nicht irreführen lassen. Denn Geiger zeichnet kein Pflegefall-Idyll, sondern verschweigt auch die Extrembelastung nicht, die der kranke Vater für die Angehörigen darstellt. Er erinnert sich an „Tage, an deren Ende alle reif für die Zwangsjacke waren. Ich selber hatte manchmal noch unter der Dusche das Gefühl, zu rennen, und einmal, als ich am Kleiderkasten vorbeiging, hatte ich das Bedürfnis, mich hineinzusetzen.“

Aber dieser Horror ist nur die eine – im Buch eher zurückgenommene – Seite. Immer wieder schildert Geiger auch die zart-absurde Komik, die fast surreale, valentineske Poesie, die in ruhigeren Phasen aus den Gesprächen mit dem dementen Vater entsteht, diesem König im Exil des Vergessens: Auf die Frage „Papa, weißt du überhaupt, wer ich bin?“, kommt die geradezu Zen-buddhistisch wirkende Antwort: „Als ob das so interessant wäre.“ Und als der Sohn ihm die beiden Socken reicht, fragt der Vater: „Wo ist der dritte?“ Lauert da die Gefahr der künstlerischen „Verwertung“ eines Menschen, der Abschöpfung des literarischen Mehrwerts einer gar nicht erbaulichen Situation? Geiger, der spürte, wie heikel sein Unternehmen ist und der nicht umsonst auf dieses Buch „sechs Jahre gespart“ hat, bannt die Gefahr durch seine unprätentiöse, sachliche Sprache. Eine ehrliche Sprache, die zwar dem Sujet geschuldet, doch zugleich eine Annäherung an das Wesen des Vaters ist. Denn der Autor erzählt nicht nur von einem kranken Mann. Vielmehr nimmt er dessen Vergessen als Anlass, sich quasi stellvertretend für den Vater zu erinnern, das Leben des August Geiger zu rekapitulieren und das seiner Vorfahren und Verwandten gleich mit. So entsteht das Porträt eines „unscheinbaren“ Menschen, eines Gemeindebeamten und Kleingärtners in der österreichischen Provinz, dem nach dem Trauma von Krieg und Gefangenschaft nichts über häusliche Geborgenheit ging. Und doch wird an diesem Menschen das ganze Drama unserer Existenz sichtbar, und Geigers Bericht weitet sich zu einem literarischen Ecce-Homo-Bild.

Zur latent religiösen Tendenz dieser oft überraschend heiteren Darstellung gehört, dass man sie als eine Art Trostbuch und Selbstvergewisserung lesen kann. Als Beschwörung der unveränderlichen Person, die der Vater bei aller „Persönlichkeitsveränderung“ ist, weil er seine verlorenen Erinnerungen längst „in Charakter umgemünzt“ hat, „und der Charakter war ihm geblieben“.

Von Alexander Altmann

Arno Geiger:

„Der alte König in seinem Exil“. Hanser Verlag, München, 189 Seiten; 17,90 Euro

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