Arrivierte Weltberühmtheit

- Wie schnell ist einer, der zu Lebzeiten zu den bedeutendsten, schillerndsten und polarisierendsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehörte, nach seinem Tod vergessen? Und falls seiner gedacht wird: Geschieht dies, weil sein Werk für sich spricht? Weil die Aura dieses Menschen über den Tod hinaus wirkt? Oder weil die Lebenden sich noch gern in den vergehenden Strahlen der einstigen Berühmtheit sonnen?

<P>Morgen würde Heiner Müller, der Dramatiker, Lyriker und Essayist, 75 Jahre alt. Der zierliche Seiltänzer zwischen Ost und West erwies sich als großer Liebhaber - des Theaters, der Frauen, der Zigarren und des Whiskeys. Welche Rolle der Dichter zukünftig in der Literaturgeschichte einnehmen wird, lässt sich heute nicht voraussagen. Aber beim Nachdenken über Müllers gegenwärtige Bedeutung, ist Zweifel angebracht.</P><P>In München befinden sich aktuell zwei Aufführungen im Repertoire: im Staatsschauspiel sein "Philoktet", in den Kammerspielen sein "Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar". Das erste in klassisch schöner Klarheit als hochinteressantes, zeitloses Modell. Das andere als schaler Beweis dafür, dass wohl doch die Zeit über den Meister der Dialektik hinweggegangen ist.</P><P>München könnte in Sachen Heiner Müller symptomatisch sein; denn hier wurde er einst zum überregional gefragten Dramatiker gekürt. Und zwar durch die Uraufführung des "Philoktet", 1965 am Residenztheater in der Regie von Hans Lietzau. Bis dahin war der gebürtige Sachse und Brecht-Schüler ein in der damaligen DDR nicht zum Zuge kommender, aufmüpfiger Jung-Dramatiker. Der Versuch der Genossen, ihn durch berufliche wie private Schikane politisch zu domestizieren, waren durch seinen Widerspruchsgeist zum Scheitern verurteilt. Denn dank der Münchner Premiere mit Martin Benrath und Helmut Griem begann sein Stern außerhalb der engen Grenzen des Arbeiter- und Bauern-Staates zu leuchten. </P><P>München blieb Müller auch weiter treu. Gespielt wurde er in den subventionierten Häusern ("Der Auftrag", "Germania Tod in Berlin", "Hamletmaschine", "Quartett", "Wolokolamsker Chaussee") wie in der freien Szene. Die spröden, nicht immer leicht zu dechiffrierenden Texte, die sich in großer Zärtlichkeit des Vokabulars von Gewalt und Zoten bedienten, waren meist Paraphrasen auf klassische Vorlagen aus Dramatik und Prosa. In ihrer Rätselhaftigkeit galten sie als Produkte des Widerstands, was sie für den Westen interessant machte. Als solche wurden sie auch in der DDR verstanden - und daher bis in die 80er-Jahre hinein verboten. Die Wahrheit der Texte lag hinter den Wort- und Satzgebilden.</P><P>Als die SED Heiner Müller 1985 mit der Verleihung des Nationalpreises tödlich umarmte und als vier Jahre später die DDR zu Bruch ging, hatte der Dichter seinen Feind, hatten seine Stücke ihren inneren Zwang verloren. Sein Widerstand war gebrochen. Er schrieb nicht mehr. Müller wurde Regisseur, wurde Intendant, wurde schick. Er starb als arrivierte Weltberühmtheit 1995 an Krebs.<BR></P>

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