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Die richtige Haltung: Die Säge muss zur leichten S-Form gebogen werden.

Um die Wette jaulen

München - Bis die Knie zittern: Bei Ars Musica im Sendlinger Stemmerhof kann man lernen, wie man singende Säge spielt. Ein Kursbesuch.

Singende Säge... Nein, das ist keine schrille Sopranistin, sondern ein ganz normales Handwerkszeug. Ein Fuchsschwanz, wie ihn jeder Heimwerker kennt und wie er im Baumarkt ab 9,95 Euro zu haben ist. Zumindest Ralph Stövesandt kann seinem kleinen roten Exemplar verführerische Töne entlocken. Zum Erstaunen der sechs Kursteilnehmer, die sich im Sendlinger Stemmerhof bei Ars Musica versammelt haben, um von ihm zu lernen, wie man die Säge zum Singen bringt.

Für seine Kursbesucher, darunter zwei „Wiederholungstäter“, hat er größere Sägen mit größerem Tonumfang, wie er sie auch im Konzert spielt, dabei. Sie sind aus kalt gewalztem und gehärtetem Federstahl und können rosten wie jedes normale Handwerksgerät. Einzige Besonderheit: Sie sind zahnlos. Bei scharfen Sägen empfiehlt Stövesandt: „Halten Sie immer eine Packung Pflaster bereit!“

Seine sechs in die Jahre gekommenen „Lehrlinge“ lernen zunächst einmal, wie man den Griff der Säge zwischen die Knie klemmt. Das klappt am besten, wenn man auf der Stuhlkante sitzt. Die Säge schwebt schräg in der Luft, und vom Singen können alle nur träumen. Nichts gibt sie von sich. Jedes Klopfen mit dem Finger bleibt tonlos. Doch sobald man den am oberen Ende des Sägeblattes angebrachten Holzgriff sanft zu sich zieht, biegt sich die Säge zur leichten S-Form und beantwortet ein dezentes Klopfen mit einem Klang. Der erste Erfolg nach zehn Minuten. Wunderbar. Die Hoffnung wächst, dass wir nach zwei Stunden der Säge tatsächlich ein Lied entlocken könnten…

Bei jeder Bewegung läuft der Ton quasi an der Säge entlang, eilt in die Höhe oder dunkelt sich Richtung Knie ab und wird vom Oberschenkel ausgebremst. Alle sechs Spieler „jaulen“ um die Wette und freuen sich über den typischen Jammerton. Ralph Stövesandt, der zunächst Gitarre und Posaune lernte, erzählt zwischendurch: „Ich spiele seit elf Jahren singende Säge, und seit einem Jahr lebe ich davon.“ Er strahlt. Wer die singende Säge erfand, kann er nur vermuten: „Ich bin davon überzeugt: Sie kommt aus dem Wald. Vermutlich haben Holzfäller bei ihrer Arbeit entdeckt, dass die Sägen klingen. Wenn sich eine dieser großen, bauchigen Werkzeuge, die von zwei Männern gezogen werden, verkantet und man gegen das Blatt gerät, beginnt es zu schwingen, zu tönen.“

Ob nun wirklich ein geigender Holzfäller auf die Idee kam, seinen Bogen anzusetzen und damit die Säge zum Instrument zu adeln, oder ob es ein holzfällender Geiger war – Stövesandt lacht und legt sich nicht fest. Jedenfalls muss die singende Säge gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgetaucht sein. Seit 1909 gibt es Schellack-Singles mit diesen Tönen. Auch die Kursteilnehmer bekommen nach dem ersten Erfolg einen Bratschenbogen, und los geht’s. Hier lauert die nächste Schwierigkeit: Bei Stövesandts Spezialgriff für den Bogen verbiegt sich manch einer die Finger. Doch mit gegenseitiger Unterstützung klappt auch das. Jetzt muss die Säge in der S-Form gebogen und dabei gestrichen werden. Der Bogen wird nach oben gezogen und sofort wegbewegt, wenn ein Ton erklingt. Jetzt kann – wer kann – dem wandernden Ton nachspüren, ihn dort anstreichen und verstärken, wo er gerade auf dem Sägeblatt schwingt oder ihm mit „zitterndem“ Knie ein saftiges Vibrato verpassen. Ein zarteres gelingt, wenn der obere Griff dezent bewegt wird.

Zum Meeresrauschen von der CD dürfen alle mit ihren Sägen singen – wie ein Rudel Walrosse. Das macht Spaß, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Weg zum wirklichen Gesang noch weit ist. Denn Meister Stövesandt demonstriert zwischendurch, wie irritierend, wie verzaubernd der Klang einer singenden Säge wirklich sein kann. Er klinkt sich auf einer CD ein in Debussys „Claire de lune“ und lässt seine Zuhörer staunen. Nach zwei Stunden kommt es zum Schwur: Die Cello, Klavier, Zither und Hackbrett spielende Dame bekommt den Anfang von „Alle meine Entchen“ hin – zumindest Stövesandt erahnt ihn. Der Sänger aus dem Münchner Marinechor lässt sich mit einem deutlichen „Stille Nacht“ vernehmen. Die Fortgeschrittenen stimmen „Amazing grace“ und „God save the queen“ (nur von der Ehefrau erkannt) an, und den beiden Schlusslichtern laufen die Töne weg. Sie wollen sich nicht einmal zum „Hänschen klein“ bändigen lassen. Immerhin klingt der Ton voll und das Glissando beeindruckend…

Am Ende des Kurses wissen alle: Auch für die singende Säge gilt: üben, üben, üben. Wer neugierig geworden ist, kann das ungewöhnliche Instrument, das in der zeitgenössischen Musik hin und wieder eingesetzt wird, hören: Im Konzert des Quadro Nuevo am 15. Dezember im Prinzregententheater spielt Ralph Stövesandt Weihnachtliches. Und im Frühjahr gibt es einen neuen Kurs bei Ars Musica.

Gabriele Luster

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