Die Asche ihrer Liebe - Münchner Kammerspiele: "Mamma Medea" von Tom Lanoye

München - Wem gilt der dritte Schuss? Den ersten, der hinter der Bühne fällt, gibt Medea ab. Er trifft einen ihrer zwei Söhne und damit Jason mitten ins Herz. Dann geht er ab; Medea lauscht gebannt in die lange Stille hinein. Endlich der zweite Schuss. Wie erlöst stößt sie einen leisen Seufzer der Befriedigung aus.

Aber nun, gänzlich unerwartet, der dritte Schuss. Medea erschrickt. Warten. Jason vielleicht selbst? Doch er kommt zurück. Am Ende des Ehekriegs, in dem als letzte Waffe die gemeinsamen Kinder geopfert werden, hocken die Verlierer nebeneinander auf der Stufe ihres Hauses. Medea rückt nah an Jason heran, legt ihren Kopf an seine Schulter. Vertrautheit in der seelischen Erschöpfung. Unlösbar miteinander verbunden durch die gemeinsame Schuld.

Wem der dritte Schuss gilt, vielleicht der Dienerin? Medea fragt nicht. Und wir werden's nie erfahren. Auch nicht, was aus dem Unglückspaar wird. Tom Lanoye, der flämische Autor von "Mamma Medea" , lässt jeden einzelnen Zuschauer die Frage für sich selbst beantworten. Und das Stück, diese zeitgenössische Bearbeitung des antiken Medea-Stoffes von Homer sowie von Apollonius von Rhodos, lässt einen so schnell nicht mehr los.

Der in die Gegenwart geholte Mythos packt einen gar mächtig angesichts der immer währenden Gültigkeit des Jahrtausende alten Themas. Noch dazu in der hochspannenden, sensiblen, bravourös stilisierten und doch sehr publikumsnahen Inszenierung von Stephan Kimmig an den Münchner Kammerspielen.

Glänzend die Bühne von Katja Haß: auf der Drehscheibe weiße, hölzerne Wände und Säulen, die im Verlauf der Aufführung immer enger zusammenrutschen. Im ersten Teil, der in Kolchis spielt, das man sich geographisch etwa dort vorzustellen hat, wo das heutige Georgien liegt, in Kolchis also sehen die Menschen aus, als kämen sie direkt von der Kolchose ­ in ärmlichsten Arbeitsklamotten. Schneidig dagegen treten die Argonauten auf. Jason in schwarzer Lederjoppe, mit Schlips und Kragen. Während die Leute von Kolchis, der König und seine Sippe und also auch Medea, ziemlich gestrig, aber wunderschön in Versen sprechen, sind die Griechen durch eine moderne, eher flapsige Prosa charakterisiert.

Kein Wunder, dass sich Medea in diesen coolen Fremden, den schönen Jason, verliebt. Sandra Hüller und Steven Scharf sind ein Paar, wie es selten gut auf der Bühne zusammenpasst. So verschieden sie äußerlich auch sind: Zwischen diesen beiden knistert und funkt es, Anziehung und Abstoßung sind so präsent und spürbar, dass der Weg in die Tragödie geradezu logisch erscheint. Sandra Hüller gibt als Medea nicht etwa die geheimnisvolle Zauberin. Ihre Fähigkeit ist für sie ja nichts Besonderes. Dass sie aber von der Liebe überrascht und überwältigt wird, das ist das Außerordentliche.

Wunderbar, wie Hüller das junge Mädchen spielt, das seine Monologe zur Klärung der eigenen Gefühlslage immer wieder ans Publikum richtet. Wie sie ganz untheatralisch sämtliche Seelenzustände und -widersprüche mitunter gleichzeitig auf ihr Gesicht zaubern kann. Wie sie stupend Jasons Liebe fordert und auf seine Treue pocht. Wie sie sich im zweiten Teil, als betrogene Ehefrau, in der Welt der Griechen verwandelt, ja aufgegeben hat, indem sie herumhängt im Trainingsanzug. Ein Ascheregen bedeckt den Boden ihres Hauses. Medea wühlt nur noch in den Resten der erloschenen Liebesglut.

Tragik und Dramatik ergeben sich aus Sandra Hüllers undramatischem Spiel, aus der Ruhe ihrer Gewissheit vom Verlauf des Schicksals, aus der unaufgeregten Normalität, die sie ihren Handlungen angedeihen lässt. In einem darstellerisch staunenswerten Bogen erschafft sie diese Medea ganz neu ­ als eine moderne junge Frau von heute.

Es gibt an den Kammerspielen keine bessere Besetzung für den Jason als Steve Scharf: ein ganzer Kerl, markige Stimme, blitzende blaue Augen. Dieser Jason ist ein Mann, der alles in sich hat: den Witz und die Tragik, das Geheimnis und das Durchschaubare. Macho und Liebender, ein Held und ein Versager, Zögernder und Täter. Einer, der am liebsten alles problemlos unter einen Hut brächte: Frau, Kinder, Geliebte, Kapital und Karriere. Am Ende ist er ein Rasender ­ bis er sich Medeas Rache still ergeben muss.

Scharf spielt das in allen Facetten aus, schonungslos, radikal ­ und erfährt, vielleicht weil er das so hervorragend macht, wie auch Medea durchaus unser Mitleid.

Viel ließe sich noch erzählen von dieser Aufführung, die so reich ist und menschlich. Und bei aller Grausamkeit auch voller Humor. Wenn zum Beispiel das geraubte Goldene Vlies erst im gläsernen Köfferchen abtransportiert wird und später zur schmuddeligen Bettunterlage in Medeas Haus verkommt.

Schauspielerisch ist das alles auf bestem Niveau. Beispielhaft hervorgehoben sei hier nur Hans Kremer als Kolchis' König Aietes: großartig und beängstigend als innerlich wie äußerlich versteinerter Uralt-Diktator. Eine Darstellung, die das Aufeinandertreffen der Generationen und Zivilisationen extrem deutlich macht.

Am Ende Jubel, wie er schon lange nicht mehr zu vernehmen war im Schauspielhaus. Jubel für ein Theater, das im Falle dieser Inszenierung kein Aufhebens von sich macht ­ und darum so schön, so wahr, so gelungen ist.

Nächste Vorstellungen: 11., 15., 30. Dezember.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare