Ingolstadt entlässt Walpurgis - Interims-Nachfolger steht fest

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Asket in Rom

- Wer 1949 im Schwäbischen unter dem Namen Montgomery Cassini-Stahl geboren wird, der hat es nicht leicht; schon gar nicht, wenn der Vater nicht nur ein Fan von amerikanischen Filmen, sondern auch noch Italiener ist und bald nach der Geburt des Sohnes Deutschland und seiner Frau samt ihrer großbürgerlichen Familie für immer den Rücken kehrt. So steht das Leben des Titelhelden in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman "Montgomery" von Anfang an unter keinem guten Stern.

<P>Er wächst unter der erdrückenden Autorität des Großvaters und im Schatten seines behinderten älteren Bruders Robert auf, der alle Liebe im Hause Stahl absorbiert. Diese wenig beglückende Kindheit holt Montgomery in den letzten neun Tagen seines Lebens, die im Zentrum des Romans stehen, immer wieder ein. Sein Tod wird in einer knappen Rahmenhandlung vorweggenommen. Er ereilt den gerade mal Fünfzigjährigen auf dem Höhepunkt eines so erfolgreichen wie einsamen Lebens. <BR><BR>Den Spuren seines Vaters folgend ist er nach Italien gegangen und dort Filmproduzent geworden. Doch in der bunten Welt von Cinecittá´, die Lewitscharoff mit wenigen Strichen lebendig und humorvoll zeichnet, bewegt sich der Halbitaliener immer noch wie ein Fremdkörper, was weniger seiner deutschen Herkunft, als seinem eigenwilligen Wesen zuzuschreiben ist: ein asketischer, hagerer Mann, Kettenraucher, mit empfindlichem Magen und übersensiblem Geruchssinn, der menschliche Nähe nicht erträgt. Ein Misanthrop im Filmgeschäft, das  ihn fasziniert und quält<BR>zugleich. Nicht viel anders geht es dem Leser mit diesem Antihelden. Mit der Verfilmung von "Jud Süß", einer Rehabilitation des historischen Joseph Süß Oppenheimer, will Montgomery sein Lebenswerk krönen. Gleichzeitig scheint diese Arbeit eine Art Sühne zu sein. Die Schuld allerdings ist schwer zu fassen.<BR><BR>Eine NS-Vergangenheit der Familie hat es nicht gegeben, sie waren allenfalls Mitläufer, dennoch erscheint der Großvater in seiner Fantasie "wie ein Hollywoodfaschist in blank gewichsten Stiefeln". Die eigene Schuld am Tod des Bruders, der bei einem Unfall ums Leben kam - der vielleicht doch keiner war? -, bleibt am Ende offen. Doch in beiden Fällen ist die Schuld vielleicht auch nur eine Frage der versäumten Verantwortung. Die Arbeit an "Jud Süß" wird für Montgomery zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, eines Lebens ohne Liebe, wie es scheint. Die findet er erst ganz am Ende, unmittelbar vor seinem Tod, den die Autorin in einer genialen, apokalyptischen Träumerei schildert.</P><P>Überhaupt sind Sibylle Lewitscharoff, die 1998 für ihren ersten Roman "Pong" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, eindringliche Schilderungen gelungen. Von Rom, seinen Menschen und nicht zuletzt ihrem Helden, dem sie förmlich unter die Haut kriecht und den sie dabei gleichzeitig auf Distanz hält. Man will nicht so recht mitleiden mit diesem an sich selbst und der Welt so sehr Leidenden, und doch kann man sich einer gewissen Faszination nicht entziehen, bleibt am Ende gar erschüttert zurück.</P><P>Sibylle Lewitscharoff: "Montgomery"<BR>DVA, Stuttgart, München<BR>346 Seiten, 19,90 Euro</P><P> </P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Sibylle Lewitscharoff: "Montgomery" </P>

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