Aspekt der Mitmenschlichkeit

München - Die blinde Deutsche Sabriye Tenberken (37) hat eine tibetische Blinden-Punktschrift entwickelt und 1998 in Tibets Hauptstadt Lhasa die erste Blindenschule des Landes eröffnet ­ dort, wo Blindheit noch immer als Fluch der Götter gilt.

Sabriye Tenberken über Blindheit, ihr Tibet-Engagement und den Dokumentarfilm "Blindsight"

Im Jahr 2004 lockte sie eine neue Herausforderung. Mit sechs Schülern, dem blinden US-Bergsteiger Erik Weihenmayer und einer Crew von Helfern bestieg Tenberken den Nachbarberg des Mount Everest, den 7100 Meter hohen Lhakpa Ri. Der Dokumentarfilm "Blindsight", der kommende Woche anläuft, zeigt dieses Abenteuer, in dem es um viel mehr als Bergsteigen geht.

Sie haben Ihr Augenlicht mit zwölf Jahren nach einer Netzhauterkrankung verloren. Wie haben Sie Ihr eigenes Erblinden erlebt?

Das eigentliche Erblinden war für mich als Kind nicht das große Problem. Damit waren eher neue Aufgaben verbunden, zum Beispiel die Blindenschrift zu lernen und mich mehr auf das Hören zu konzentrieren. Das Problem war die Gesellschaft, die in sehr merkwürdiger Weise reagiert hat. Ich fühlte mich einfach nicht mehr ernst genommen. Ich wurde plötzlich mit einer Art Baby-Stimme angesprochen. Erst später bin ich darauf gekommen, dass diese Reaktionen mit Unsicherheit zu tun haben. Vielleicht steckt die Angst der Sehenden dahinter, selbst blind zu werden oder die Kontrolle zu verlieren. Ich glaube, dass in der Gesellschaft sehr viel Angst vor Blindheit gemacht wird. Ich erlebe das ganz anders. Ich bin nicht hoffnungslos verloren. Die anderen Sinne greifen ja über, ersetzen und kompensieren viel. Es entstehen vielfältigere Möglichkeiten, Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Es gibt wunderschöne Erlebnisse, wenn man nicht auf das Sehen angewiesen ist. Als ich das Sehen verloren habe, habe ich auch sehr viel gewonnen.

Was hat Ihre Schule in Tibet verändert?

In Lhasa ist die Situation für Blinde heute völlig anders. Wenn blinde Kinder früher mit ihren Stöcken durch die Stadt liefen, wurden sie beschimpft, ausgelacht oder bemitleidet. Wenn sich heute jemand herausnimmt, sie zu beschimpfen, dann springen gleich drei Leute hinzu und sagen: "Hey, diese Kinder sprechen Chinesisch, Englisch und Tibetisch. Sie können lesen und schreiben und haben Jobs. Sei mal vorsichtig, was du da sagst." Und das hat alles nur neun Jahre gedauert. Die Tibeter haben meiner Meinung nach die gleichen Ängste vor Blindheit wie die Deutschen. Nur, dass sie andere Dinge dafür verantwortlich machen. Blindheit gilt in Tibet als Strafe für etwas, das man in einem früheren Leben getan hat. Aber im Grunde läuft es auf ähnliche Vorurteile hinaus: dass man von Blinden nichts erwartet oder sie als nicht gesellschaftsfähig ansieht. Die Schulbildung ist für Blinde in Deutschland besser. Aber was macht ein Blinder hier mit einem Doktor in Philosophie oder Jura? Kriegt er einen Job? Das ist in Tibet anders. Wenn man dort zeigt, dass man als Blinder eine Menge kann, wird man auch akzeptiert. Bildung überwindet Vorurteile und gibt Chancen.

Bei der Besteigung des 7100 Meter hohen Himalaya-Riesen gab es von Anfang an einen Zielkonflikt. Dem blinden Bergsteiger Erik Weihenmayer, der es bereits auf den Mount Everest geschafft hat, ging es um den Gipfel. Ihnen war der Gipfel gar nicht wichtig. Haben Sie sich angenähert?

Manchmal war das schon ein bisschen frustrierend. Wir hatten wunderschöne Zeiten mit den Kindern, in denen wir Steine in Eistürme geworfen haben und herrliche Geräusche hörten. Die Bergführer aber haben gesagt: "Wir haben keine Zeit für Spielchen, wir müssen weiter um den Gipfelsturm nicht zu gefährden." Doch was haben blinde Kinder von einem Wettlauf durchs Gebirge? Sie brauchen den Gipfel gar nicht. Ich glaube, wer die wirkliche Entwicklung durchgemacht hat, war am Ende Erik. Er hat realisiert, dass es bei dieser Bergtour um etwas ganz anderes ging: um den Aspekt der Mitmenschlichkeit und um die Tatsache, dass es Herausforderungen gibt, die man nur im Team bestehen kann.

Das Gespräch führte Ulrike von Leszczynski

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Es war eine „Stimmbandentzündung mit Aphonie“ (Stimmverlust), die Sänger Jason „Jay“ Kay von Jamiroquai zum Abbruch des Konzerts am Donnerstagabend in der fast …
Konzertabbruch: So krank war der Jamiroquai-Sänger wirklich
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Es sei die intensivste Rolle ihrer bisherigen Karriere gewesen, sagt Diane Kruger. Belohnt wurde die 41-jährige Deutsche, die seit 25 Jahren in den USA lebt, in diesem …
Diane Kruger: „Dieser Film hat mein Leben verändert“
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Schon wieder ein Mozart-Requiem auf CD? Wenn man es so aufregend deutet und eine so überzeugende Neufassung bietet wie René Jacobs - unbedingt!
Neu ergänzt und wie neu gehört: Mozarts Requiem mit René Jacobs
Jamiroquai-Show in Olympiahalle nach zwei Minuten abgebrochen - Das sagt der Veranstalter
Tausende Fans hatten sich auf das Konzert gefreut, lange gewartet - und dann war es schneller vorbei als gedacht. Jamiroquai brachen ihr Konzert in der Olympiahalle …
Jamiroquai-Show in Olympiahalle nach zwei Minuten abgebrochen - Das sagt der Veranstalter

Kommentare