Atomare Bedrohung in der Garage

- Unzählige Hände ragen aus den blutroten Schaumwülsten: Sie alle stützen die übermächtigen Fundamente der Gesellschaft. "Die vier Bücher" (2005) der vier Weltreligionen, in riesige Ketten verschnürt und abgeschlossen, balancieren auf den Fingerkuppen. Sind sie letzte Rettung? Sind sie ungreifbar? Bestimmen sie das Schicksal? Sind sie gar Anlass für die eher martialische Welt- und Gesellschaftssymbolik, die sich bei Thomas Hirschhorn breit macht?

<P>Ein Blick auf die anderen Skulpturen in der Münchner Pinakothek der Moderne lässt Schlimmstes befürchten. Hier geht es, so der Schweizer Künstler, um "Krieg, Rache und Ressentiment". Zwei Räume - eine "Doppelgarage" (2002) - hat die Pinakothek dafür freigeräumt. Darin ist alles versammelt, was das Herz des Mannes höher schlagen lässt - und was eigentlich auch unaussprechbar im Innersten gärt. Da bohrt sich ein goldenes Torpedo durch beide Räume und verweist phallisch auf die Pin-Up-Ecke. Da werden in Kabinetten die Schlagworte Emanzipation und Stärke an die Wand geworfen. Bilder, Textfetzen, Verklebungen: In die Garage geht Mann laut Hirschhorn in "schlaflosen Nächten", um Unartikulierbares zu ordnen.<BR><BR>Vier Elektroeisenbahnen sausen im zweiten Teil um Pilzlandschaften, die zwischen Spielzeugidylle und atomarer Bedrohung liegen. Gepflastert sind die Hügel mit Kriegsfotos. Die Räume, mit Mauermalerei, Logos, Werkzeug und Regalen dekoriert, sind Pfründe ebenso verstaubter wie ungeheuer aktueller Gefühle. <BR><BR>Auslöser für die Skulptur waren der Terroranschlag vom 11. September und die Erinnerung an den ersten Irakkrieg. Jetzt hat Hirschhorn die gesellschaftliche Befindlichkeit zwischen Sehnsucht nach Freiheit und Friede und dem Drang zur Selbstverteidigung im Bausatz definiert. Inklusive aller Rangeleien um Verantwortung und Souveränität, die in Textfragmenten von Markus Steinweg zu den Philosophien von Friedrich Nietzsche aufleuchten. Auch Schlüsselworte wie Denunzieren und Elend gehören dazu . . .<BR><BR>Es ist also beileibe kein freundliches, aber ein sehr wahres Bild des Menschen, das der Wahlpariser Hirschhorn entwirft. Er weckt nicht nur die längst überfällige, aktuelle politische Skulptur aus ihrem Dornröschenschlaf, sondern legt Emotionen mit ihren ärgsten Auswirkungen frei. Auch die drei Iglus mit Kettenkreuz und Kriegsfotos (2004) sind klar verständliche Berge des Anstoßes und des Denkanstoßes. Während sie bei Hirschhorns erster Münchner Ausstellung nur vorübergehend zu sehen sind, wird man sich mit der Kriegsgarage noch länger befassen können: Wegweisend haben die Freunde der Pinakothek (PIN) dieses subtile Mahnmal für das Museum erworben.</P><P>Bis 3. 7. Tel. 089/ 23 80 53 60.</P><P><BR> </P>

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