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Kurt Faltlhauser, Finanzminister a. D., im Gespräch mit Feuilleton-Redakteurin Simone Dattenberger.

Merkur-Interview

Faltlhauser: "Auch ich habe meine Wünsche"

München - Bayerns Ex-Finanzminister Kurt Falthauser (CSU) hat sein Buch "Bauen für die Kunst" veröffentlicht. Im Merkur-Interview spricht er über Überzeugungsstrategien und Defizite.

Kurt Faltlhauser (73) war schon in seiner Zeit als bayerischer Finanzminister (1998 bis 2007) in der Regierung Stoiber mit dem Kunstliebhaber-Virus infiziert. Zum Glück war er in der Eigenschaft als Meister der Geldschatullen auch oberster Chef der Schlösserverwaltung. So ist ihm beispielsweise zu verdanken, dass der trostlose Zustand der Residenz-Rückseite beseitigt wurde, aus Allerheiligen-Hofkirche und angeschmiegtem Gärtchen ein charmantes Ensemble entstand – und das Cuvilliéstheater mit einem „neuen“ Foyer aufgewertet wurde. Kein Wunder, dass der Politiker im Ruhestand, über dem der Landesbank-Prozess (Stichwort: Hypo-Alpe-Adria) drohend schwebt, sich weiterhin der Kultur widmet: etwa im Vorstand der Buchheim-Stiftung oder als Autor des Buchs „Bauen für die Kunst“ (siehe unten).

Sie betreiben keine Kunst-Schwärmerei, sondern berichten nüchtern vom „Maschinenraum“ der demokratischen Entscheidungsfindung. Warum?

Ich habe bewusst nicht über Kunst oder die Inhalte der Museen geschrieben, sondern über den Prozess von Bauprojekten: Wie sie zustande kommen in unserer demokratischen Ordnung. Diese Problematik der Diskussion innerhalb der Verwaltung, die Abläufe zwischen Politik und Verwaltung sowie zwischen Öffentlichkeit, Interessengruppen und Politik sind – Beispiel Stuttgart 21 – vielen Bürgern heute bewusst. Diese Prozesse gibt es auch bei kulturellen Großprojekten. Und bei näherem Hinsehen hat der Akteur Faltlhauser doch viele unbekannte Einzelheiten herausgefunden, die überraschend und spannend sind. Das sind, wie ich meine, Geschichten, die auch Anleitungen bieten für Zukunftsvorhaben: im Hinblick auf Einschätzungen wie etwa, wie lange dauert etwas, was darf man nicht machen...

München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestaltung

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Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Durch ein Streitgespräch mit meinen engsten Freunden, zwei Sozis darunter, die gemeint haben, die Ära Stoiber wäre etwas eindimensional auf Technologie- und Wirtschaftsförderung ausgerichtet gewesen. Ich habe argumentiert: „Das stimmt nicht“; und war bei meiner Aufzählung der Kunstbauten selbst überrascht, wie viele zusammenkamen. Der Gedanke, das zusammenzuschreiben, hat mir immer besser gefallen. Dass das dann in heftigste Arbeit ausgeartet ist, hatte ich zum Startzeitpunkt nicht geahnt. Es hat jedoch großen Spaß gemacht.

Wenn einer jetzt einen Kunstbau plant – was würden Sie ihm raten?

Drei Punkte sind wichtig: Erstens der feste Wille – sich auch über administrative Querschüsse und Widerstände hinwegsetzen, nicht grob, sondern mit Überzeugungskraft. Zweitens: Er muss einen Plan haben, wie man vorgeht. Es gibt ja erkennbare Schwierigkeiten, und da muss man wissen, wen man wie einbindet. Die Sanierung des Alten Hofs – nicht im Buch behandelt –, den ich als erstes Vorhaben als Finanzminister angegangen bin, wäre nie zustande gekommen, wenn ich nicht sofort eine Arbeitsgruppe gebildet hätte – mit der Stadt München, mit dem Landesamt für Denkmalpflege, mit Bauspezialisten. Durch die Einbindung von Interessenten und Entscheidungsmächtigen ist von vornherein die Problemhöhe niedriger. Und der dritte Rat: Auch wenn’s länger dauert, nicht den Mut verlieren.

Konkretes Problem – der neue Konzertsaal? Vieles wurde angegangen, und die Situation ist verfahren.

Das würde ich nicht so dramatisch sehen. Es gibt ein strukturelles Problem: Die Stadt München mit ihrem Gasteig hat das Projekt Konzertsaal nie geliebt. Noch als Finanzminister habe ich einen Verein gegründet – ich wollte den Saal im Marstall haben. Die Beurteilung des Akustikers Toyota erzwang die Vollbremsung. Jetzt aber ist der Saal in der Regierungserklärung Seehofers. Im Hinblick auf die Zustimmung des Landtags ist bedeutsam, dass gleichzeitig ein Konzertbau für Nürnberg angekündigt ist. Hier gibt es eine Parallele zur Pinakothek der Moderne und dem Neuen Museum Nürnberg, wie ich in meinem Buch darlege. Es soll eben nicht der Eindruck entstehen, dass alles nach München geht. Das ist eine gute Lehre gewesen aus der Vergangenheit für den heutigen Ministerpräsidenten Seehofer, sodass er München und Nürnberg zusammengebunden hat.

Mit Neubauten können sich die Politiker schmücken. Aber wie steht es mit der Erhaltung? Archäologische Staatssammlung, Neue Pinakothek, Haus der Kunst, Völkerkundemuseum, Deutsches Museum müssten  längst  saniert werden. Hat man das verschlafen?

Das würde ich nicht so sehen. Heubisch, der sich sehr bemüht hat als Wissenschaftsminister, hat aber den Fehler gemacht, den Bedarf bei allen Häusern abzufragen. Da kann nur ein gigantischer Wunschzettel herauskommen. In der Vergangenheit – wenn ich den Bereich Schlösserverwaltung ansehe – wurde immer kontinuierlich renoviert.

Bei der Schlösserverwaltung hat man allerdings das Glück, dass deren Chef der Finanzminister ist. Bei den Museen hast du nicht das Glück!

Das mag so sein. Schauen Sie sich das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg an: Das ist mit viel Geld renoviert worden. Das einzige große Museum, das umfassende Erneuerung braucht – neben dem Haus der Kunst –, ist das Deutsche Museum.

Die Archäologische Staatssammlung zum Beispiel ist komplett marode.

Man kann nicht alles gleichzeitig anpacken. Die Darstellung, dass wir ein Problem mit den Altlasten haben, halte ich für überzogen.

Faltlhauser über Söder

Ihr Nachfolger Söder muss  sich  also keinen Generalstabsplan dafür ausdenken?

Wenn man alle großen Kultureinrichtungen zusammenzählt, würde das einen Masterplan erfordern. Ich glaube, Politik ist die Kunst der Prioritätenbildung, Masterpläne bringen nichts. Man muss Schritt für Schritt sanieren. Es wird in Bayern kein Haus zusammenfallen. Natürlich sehe ich das eine oder andere Defizit, aber Katastrophen gibt es nicht. Sicherlich, auch ich habe meine Wünsche. Zum Beispiel den zweiten Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne.

Wird der jemals in Angriff genommen?

Der muss kommen! Die Graphische Sammlung braucht ein  angemessenes  Haus. Aber  Politik ist kein Wunschkonzert.

 Sie könnten doch Kunstminister Spaenle Tipps geben, wie man Finanzminister bezirzt?

Ich wäre schlecht beraten, wenn ich als ehemaliger Minister einem amtierenden Minister öffentlich Ratschläge erteilen würde.

Haben Sie weitere Buchprojekte – vielleicht über das heikle Thema Hypo-Alpe-Adria?

(Lacht.) Da wäre ich nicht gut beraten!

Das sind spannende Finanz-Krimis...

Ich hätte gern darauf verzichtet, mich während meiner Pension damit zu befassen. So ein Buch wäre bloß ein Rechtfertigungs-Schinken. Aber: Meine Kinder und Enkel fordern mich immer auf, Gute-Nacht-Geschichten, die ich den Enkeln erzähle, zu einem Kinderbuch zu machen. Dagegen steht: Meine Frau ist jetzt froh, dass mein 500-Seiten-Band endlich fertig ist.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Zum Buch „Bauen für die Kunst“

Kurt Faltlhauser schildert in „Bauen für die Kunst. Ein Werkstattbericht aus der Ära Stoiber“ (Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 487 Seiten; 32 Euro) den Werdegang der Pinakothek der Moderne, des Neuen Museums Nürnberg, des Museums Buchheim, des Schweinfurter Museums Georg Schäfer, des Museums Brandhorst, des Verkehrsmuseums auf der Theresienhöhe, des Anbaus an die Kunstakademie, des Baus der Hochschule für Fernsehen und Film inklusive dem Ägyptischen Museum in München sowie der Bamberger Villa Concordia, die internationale Künstlergäste beherbergt.

Der Finanzminister a. D. hat einem Historiker gleich die Akten akkurat ausgewertet. Er hat ergänzend dazu Zeitzeugen wie Kunstminister a.D. Hans Zehetmair, Münchens Ex-Baureferentin Christiane Thalgott oder Diethild Buchheim von der Stiftung ihres Mannes Lothar-Günther Buchheim interviewt. „Das gibt dem Buch den besonderen Charakter“, betont Faltlhauser.

sim

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