Hannah Arendt mit einer Zigarette in der Hand
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Hannah Arendt (1906-1975): Viele großformatige Fotografien der Philosophin sind in der Schau zu sehen.

Sehenswerte Ausstellung im Literaturhaus München würdigt Hannah Arendt

Auf eine Zigarette mit Hannah Arendt: Literaturhaus München feiert die Philosophin!

  • Katja Kraft
    VonKatja Kraft
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Sie war gewitzt, schlagfertig, klug - und gilt noch immer als eine der größten deutschsprachigen Philosophinnen. Wobei Hannah Arendt sich selbst nie als solche bezeichnet hat. Das Literaturhaus München würdigt dieser starken Frau die sehenswerte Ausstellung „Das Wagnis der Öffentlichkeit. Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“.

Am besten setzt man sich zuerst in die dunkle Nische rechts im Ausstellungsraum. Schaut und lauscht. In Dauerschleife wird hier das berühmte Interview gezeigt, das Günter Gaus 1964 in seiner Sendung „Zur Person“ mit Hannah Arendt führte. Wer es sieht, der wird auch im Jahr 2021 sofort eingenommen von dieser schlagfertigen, klugen, gewitzten Frau. Eine große Denkerin war sie, aber eben eine, bei der man bei jedem ihrer Gedanken das Herzblut spürte, das ihr Hirn durchströmte.

Wie Thomas Mann, dem das Literaturhaus im vergangenen Jahr eine Ausstellung widmete, war auch Arendt, der die neue Schau gilt, eine öffentliche Intellektuelle, eine, die ihre Prominenz nutzte, um auf den politischen Diskurs einzuwirken. Mit oft streitbaren Thesen. Es ist ein Glück, dass sich Kuratorin Monika Boll dazu entschlossen hat, nicht die politischen Theorien, sondern den Menschen Hannah Arendt ins Zentrum zu stellen. Mit all ihrer Lust an der Provokation und ihrem Mut, auch Gedanken zu veröffentlichen, die andere Menschen auf die Barrikaden bringen oder verletzen könnten. Rigoros befand Arendt, dass es gelte, die Meinungen anderer auszuhalten.

Am bekanntesten ist die deutsche Jüdin Hannah Arendt, der 1941 die Flucht aus Nazi-Deutschland in die USA gelang, weltweit wohl für ihren Artikel über den Jerusalemer Prozess gegen Massenmörder Adolf Eichmann. Ihr Urteil, dieser „Hanswurst“ Eichmann symbolisiere die „Banalität des Bösen“, ist zum stehenden Begriff geworden. Weniger bekannt ist, dass Arendts Bericht aus Jerusalem damals im „New Yorker“ erschien. Ein Hochglanzmagazin, die Seiten übervoll von Anzeigen. In einer Vitrine liegen Ausgaben von damals, auf einem Bildschirm werden sie filmisch durchgeblättert. Halb fasziniert, halb erschreckt steht man davor und stellt fest, dass sich der Text über 72 Seiten zog, alle paar Zeilen war er unterbrochen von Werbung für Schmuck, Parfüm, Autos. „I make Magic with Martinis“, verspricht einem da auf einer Doppelseite ein hübsches männliches Model mit Colgate-Lächeln. Die Banalität des Bösen, versteckt zwischen den Banalitäten des Lebens.

Als junge Frau politisierte sich Hannah Arendt durch den erstarkenden Nationalsozialismus.

Von Hannah Arendts Politisierung durch den erstarkenden Antisemitismus in den Dreißigerjahren über ihr Engagement für die Rettung jüdischen Kulturguts in den Vierzigern bis zu ihrer tiefen Verbundenheit mit dem Land ihres Exils zeichnet die Schau das bewegte Leben der Philosophin nach, das eng verbunden war mit der bewegten europäischen und US-amerikanischen Geschichte. In der Mitte des Raumes ist auf dem Boden ein weißer Streifen aufgemalt. Er zerteilt die Ausstellung visuell, wie der Holocaust das 20. Jahrhundert zerteilt hat. Eine Zäsur, die alles veränderte.

Hannah Arendt beschäftigte sich mit der „Banalität des Bösen“

Wie perfide die Nationalsozialisten ihre Opfer in den Lagern zu anonymem Schlachtvieh degradierten, wie sie alle Individualität zerstörten – der Ursprung dieses radikal Bösen war es, was Hannah Arendt ein Leben lang umgetrieben hat. Auch über dem aufgemalten weißen Streifen hängen Bildschirme. Sie zeigen das Modell des Krematoriums II Auschwitz-Birkenau von Mieczyslaw Stobierski, das im Deutschen Historischen Museum Berlin steht, ein weiteres ist unter anderem in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu sehen. Für die Ausstellung in München haben Detlef Weitz und Stefan Hurtig das Modell aus Berlin behutsam bildlich eingefangen. Aus der Vogelperspektive betrachtet scheinen die Personen, die da für ihren eigenen Tod Schlange stehen, tatsächlich wie eine anonyme Masse. Doch dann nähert sich die Kamera den einzelnen Männern, Frauen, Kindern, jeder und jede vom Künstler individuell geformt. Die Menschen werden wieder sichtbar. Heilen kann das nicht, auch nicht trösten. Aber ein bisschen Hoffnung geben, ein kleines bisschen, dass wir aus der Geschichte lernen. Vielleicht.

Im Versuch, den Abgrund von Exil und Heimatlosigkeit zu überwinden, waren Hannah Arendt ihre Freunde das Wichtigste. Sie war eine treue Gefährtin. Und liebte es, ihre Herzensmenschen zu fotografieren. In München hat sie sich 1961 eine Minox gekauft, eigentlich eine typische Spionagekamera, und sie seitdem „zärtlich“ bei sich geführt. Um sie alle bildlich festzuhalten: von Martin Heidegger über Karl Jaspers bis Anne Weil. Große Denkerinnen und Denker, mit denen sie begeistert lachte, diskutierte, auch heftig stritt. Die Zigarette immer in der Hand. Denken und rauchen, das gehörte für die Arendt zusammen. Auch hier hätte man gern hustend dabei gesessen. Geschaut und gelauscht. In vernebelter Luft, aber voller klarer Gedanken.

Bis 24. April 2022 im Literaturhaus München; täglich 11-18 Uhr; begleitendes Buch: „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“. Piper, 288 Seiten; 22 Euro. Das Buch bekommen Sie im Literaturhaus München und bei Ihrem lokalen Buchhändler ums Eck hier

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