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Ein bisschen Glück ist Elisabeth (Valerie Pachner) erst nach ihrem Tod gestattet.

PREMIERENKRITIK

Auf der Suche nach Glück im Residenztheater

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München - David Bösch inszenierte am Bayerischen Staatsschauspiel Ödön von Horváths „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Die Herren tragen Sockenhalter, die Damen fleischfarbenes Korsett und Strapsgürtel: Es ist ganz deutlich der Mief der frühen Jahre, der einem aus der Unterwäsche-Modenschau entgegenweht, in die der Abend manchmal abdriftet. Aber Ödön von Horváths Sozialtragödie „Glaube, Liebe, Hoffnung“, die jetzt am Münchner Residenztheater Premiere hatte, spielt ja im Milieu der Miederwarenvertreterinnen, und da sind diese immer erheiternden Einblicke in das, was Oma einst so unten drunter trug, durchaus passend.

Die Bühne beschwört die Theaterästhetik der Achtzigerjahre

Das Bühnenbild hingegen zielt auf die etwas jüngeren Nostalgiker. Mit seiner malerischen Schäbigkeit beschwört es die Theaterästhetik der Achtzigerjahre. „HOPE“ steht graffitimäßig auf die verwaschen-graue Rückwand geschrieben. Eine Neonlampe hängt herunter und bestrahlt die Szenerie eiskalt; links an der Wand ein Blech-Waschbecken und ein Bakelit-Telefon, rechts ein Automat, aus dem man Wartenummern zieht, sowie ein Aschenbecher. Dass in dieses Nichts hunderte amtlicher Formulare herabregnen, den Bühnenboden zumüllen und die Gefahr, bei jedem Schritt auszurutschen, symbolträchtig erhöhen, scheint konsequent. Das Problem ist nur, dass Regisseur David Bösch vor lauter Retro-Seligkeit vergisst, was das Stück von 1932 mit uns heute zu tun hat: Er lässt atmosphärisch dicht den Obrigkeits- und Untertanenstaat der Fünfziger- oder Zwanzigerjahre auferstehen, wo ein Inspektor gleich nach dem lieben Gott kommt und jeder Unter-Präparator nur davon träumt, Ober-Präparator zu werden.

Man sieht eine Welt voller kafkaesker Bürokratie, voller Stickigkeit, Moral und Enge. Und am Beispiel der Protagonistin Elisabeth, die im verzweifelten Bemühen um ein bisschen Glück ins Straucheln gerät, wird deutlich, wie eine absurde Autorität mit fast schon sadistischer Tücke ihre Opfer genau in jene Kriminalität oder auch Prostitution treibt, die sie zu bekämpfen vorgibt.

So direkt erkennbar, so idiotisch offen tritt die Repression im Hartz-IV-Zeitalter nicht mehr auf, wo sie sich mit Propaganda-Slogans wie „Fördern und Fordern“ zumindest einen vermeintlich smarten Fürsorge-Anstrich zugelegt hat. Dazu kommt, dass die Regie den Horváth-Figuren einen psychologischen Realismus aufbürdet, der ihnen diametral widerspricht. Er sorgt zwar dafür, dass einem der Stoff kurzfristig an die Nieren geht und der Zuschauer Empörung über die vorgeführte Unmenschlichkeit empfindet, aber diese „Effekte“ verpuffen rasch.

Die Regie vertraut Horváths Sprache kaum 

Ödön von Horváths Sprache ist nämlich gerade nicht fürs Mitfühl-Theater gemacht, sondern verlangt in ihrer dezidierten Künstlichkeit nach Stilisierung. Sätze wie „Ich schätze eine Frau höher ein, die was von mir abhängt, als wie umgekehrt“, kann man die Schauspieler nicht natürlich dahinplaudern lassen. Solche Sätze gehören grell ausgestellt, weil in ihrer Verrenktheit schon die ganze Tragik steckt: die Tragik deformierter Menschen, die in verrenkten Verhältnissen auch ihrer Authentizität noch beraubt sind.

Genau darin bestünde ja die Aktualität dieses „Volksstücks“, das zwar in den Krisenjahren der Weimarer Republik entstand, aber den notgedrungenen servilen Opportunismus der „kleinen Leute“ mit so zeitloser Hellsichtigkeit darstellt, dass man die verängstigten Abhängigen von heute sofort darin wiedererkennen könnte – wenn der Regisseur auf Horváths Sprache vertraut hätte.

Obwohl die Schauspieler also im Niemandsland zwischen Karikatur und Pathos ziemlich alleingelassen wirken, schlagen sie sich wacker. Markus Hering bewahrt seinem subaltern-sentimentalen Präparator durch leichte Kauzigkeit einen Rest an menschlicher Würde. Till Firit ist ein Schupo, in dessen bemühter Schneidigkeit man die Selbstvergewaltigung zumindest noch ahnt. Valerie Pachner schließlich gibt Elisabeth als herbes Mädchen, dem man anmerkt, dass es von den Umständen verhärtet ist. Erst am Ende, als Tote, kann sie im stärksten Bild des Abends auf die herabgefahrene Neonlampe springen und wie ein Kind ausgelassen darauf schaukeln. Viel Applaus.

Die nächsten Aufführungen:

am 28. Oktober sowie am 4., 10., 15. und 30. November; Telefon 089/ 2185-1940.

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