Auferstehung

- "Die Revolution sind wir" - ein Plakat, auf dem uns Joseph Beuys mit energisch ausholendem Schritt entgegengeht. Den obligaten Hut auf dem Kopf und die Weste mit den vielen Täschchen am Leib. Voller Leben, voller Tatendrang - und immer im Kontakt mit seinem Publikum: insbesondere jetzt mit dem der Münchner Pinakothek der Moderne.

Sie hat anlässlich des 20. Todestags am 23. Januar eine Sonderausstellung konzipiert, die eingebettet ist in die Werke, die ständig im Museum zu sehen sind. Der Titel "Der Tod hält mich wach" spiegelt also die Vergänglichkeit des Künstlers wider zugleich mit der Unvergänglichkeit seines Schaffens; er beweist aber auch auf Anhieb, wie groß Beuys gedacht hat. Viele Sinn-Schichten bietet er an und lässt damit seinem Partner weiten Raum für Interpretationen. Egal ob er gesprochen, geschrieben hat, ob er Plastiken und Installationen entwarf, ob er Auftritte/Aktionen entwickelte.

Er war das Genie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fast gestorben im Zweiten Weltkrieg in der Weite Russlands - er war Jahrgang 1921 -, wiederauferstanden in die Freiheit, in die Kunst. Diese revolutionierte er, indem er sie aus angestammten Materialzwängen befreite und jedem Menschen die Freiheit zusprach, Künstler zu sein - ein Menschenrecht. Und wer souverän ist, hat auch das Recht zur direkten Demokratie, ein politisches Herzensanliegen von Joseph Beuys. Die PDM kann zum Glück diesen politischen Philosophen und theologischen Künstler selbst zu Wort kommen lassen. Der Videofilm seiner Münchner "Rede über das eigene Land - Deutschland", im November 1985 in den Kammerspielen gehalten, wurde wiederaufgefunden und konnte halbwegs rekonstruiert werden. Zu sehen sind darüber hinaus Typoskriptseiten mit all seinen Korrekturen und Änderungen. Faszinierend ist dieser Vortrag, denn  er  enthält in komprimierter, aber klarer Form Beuys' Philosophie, ganz aus dem persönlichen Erleben entwickelt, - und sein Charisma. Kaum zu glauben, dass dieser sanfte, freundliche, witzige Mann so viel Aggressionen auf sich zog.

"Wenn ich hier über das eigene Land spreche, kann ich mich auf nichts Jüngeres und Ursprünglicheres berufen als auf unsere Sprache."

Joseph Beuys

Auch in München tobte ein wütender, verbissener, zum Teil abstoßender Streit, als das Lenbachhaus 1979 die herzbewegende Installation "Zeige deine Wunde" erwarb - heute längst anerkannt als eines der international bedeutendsten Exponate der Galerie. Genauso hochkarätig ist die imposante Plastik aus Basalt-"Säulen" in der PDM: "Das Ende des 20. Jahrhunderts". Ergänzt wird es durch Objekte aus der Sammlung des Münchner Galeristen Bernd Klüser - vom Filzanzug bis zur Spielzeugeisenbahn. In diese Umgebung schmiegt sich nun die Schau mit 20 Zeichnungen aus 20 Schaffensjahren (1950 bis '70), die Beuys seinerzeit zusammenstellte und auch als Edition (75 Stück) herausgab. Im Laufe seines Lebens zeichnete er 10 000 Blätter. In der dritten Pinakothek sind die kostbaren Originale der "Suite Schwurhand" zu bewundern.

Schlank und fein ist die Hand, die sich hebt, um heilig eine Aussage zu bezeugen - eine uralte Geste, die im Vollzug zur entscheidenden Tat wird ("Schwurhand", 1950). Neben die aquarellierten Finger hat Beuys Ideen-Assoziationen gekritzelt. "Gesten u. Gebärden"; außerdem: "Raumerlebnis u. Farben Wohlbold" bezieht sich auf Goethes Farbenlehre, "Weizsäckers Experiment" auf Viktor von Weizsäcker (anthropologische Medizin, Psychosomatik). Die "Suite" spielt nicht nur Themen wie Mensch, Tier, Fabelwesen oder Versuche zu Raum- und Gewichtsverhältnissen durch, sondern auch Möglichkeiten der Zeichnung: transparente Farbschichtungen, sausende Bleistiftlinien, kompakte Ölfarbe. Mit diesen Blättern begibt sich Joseph Beuys auf die Suche und lädt uns ein mitzugehen.

Bis 23.4., Katalog: 38 Euro. Weitere Beuys-Hommagen: Berlins Hamburger Bahnhof bis 23.4.; Düsseldorfer museum kunst palast bis 19.3.

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