Aufgeheizte Veroneser Familien-Fehde

- Klassiker & Kassenmagnet - dieses Doppelprädikat können vor allem die Handlungsballette von John Cranko in Anspruch nehmen. Die Wiederaufnahme von "Romeo und Julia" - mit dem Debüt des Star-(Ehe-)Paares Lucia Lacarra/ Cyril Pierre - wurde jetzt im Münchner Nationaltheater mit entsprechendem Jubel gefeiert. Cranko-Veteran Stefan Erler hat mit spürbarem Geschick einstudiert - was erfordert war bei diesmal beträchtlich vielen neuen Gruppenmitgliedern, die "Romeo" zum ersten Mal tanzen. Ergebnis: Staatsballett frisch und animiert in dieser aufgeheizten Veroneser Familien-Fehde.

<P>Gewinnend gleich der Auftritt des Freundes-Trios: Romeo Cyril Pierre zwischen Mercutio, den Alen Bottaini mit kraftvoll federnder Italo-Lebenslust ausstattet und dramatisch überzeugend sterben lässt, und dem charmanten Debüt-Benvolio des neuen Solisten Erkan Kurt. Atmosphärisch, lebendig auch die verschiedenen Gruppen-Bewegungen: von den höfischen Schreittänzen bis zur ausgelassenen Karnevals-Meute, angeführt von dem skurrilen "Langbein"- Faschingsprinzen Olivier Vercoutè`re. Wenn jetzt noch das Staatsorchester unter Myron Romanuls die wechselnden Stimmungen etwas sensibler herauspolieren könnte . . .</P><P>Aber zu Julia: wunderschön die Lacarra, die alle Facetten ihrer technischen Feingliedrigkeit und ihrer Darstellungskunst spielen lässt: zaghaft erwachende junge Frau, ergreifend Leidende, gefangen zwischen dem herrischen Vater (Kirill Melnikov: ernst-verbittert) und dem aufgezwungenen Verlobten Paris. Getroffen Marlon Dinos Debüt als blond-gepflegter Jung-Aristokrat. Und Cyril Pierres Romeo? Hervorragend seine Partner-Arbeit in den Pas de deux. Technisch und lyrisch ausgefeilt seine Variation in der Balkonszene. Auch Gefühl ist da - aber nicht diese alle Clan-Hindernisse und Verbote überrennende Liebe eines jungen Heißbluts. Wodurch der Lacarra dann auch der Widerpart fehlt. Cyril Pierre ist es offenbar zur zweiten Natur geworden, sich hinter der großen Ballerina Lacarra zurückzunehmen. Also sich frei schwimmen! Und vielleicht sollte man auch die unbedingteste aller Lovestorys nicht gerade von einem langjährigen Ehepaar tanzen lassen.</P>

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