Ab ins aufgeräumte Leben

- Einst war es in Salzburg die am härtesten umkämpfte Inszenierung. Vor drei Jahren erzwangen wütende Zuschauer fast den Abbruch. Dutzendweise wurden Karten von verängstigten Festspielgästen verramscht. Eine eilends organisierte Umarbeitung sollte den Abend "retten". Doch schon die Neuauflage 2004 brachte nur "normale" Buh-Salven, und jetzt, bei einer weiteren Wiederaufnahme, wirkte die Empörung wie Pflichterfüllung - nach vielfachen Lachern zuvor.

Für den scheidenden Intendanten ist diese "Entführung aus dem Serail" eine Schlüsselproduktion. Und sollte sich während der Festspiele nichts ändern, bleibt sie nicht nur Peter Ruzickas aufregendster Mozart-Abend, sondern die ambitionierteste Regie-Arbeit seiner Amtszeit.

Dass Stefan Herheims Inszenierung mit Turban, Türkei & Co. nichts zu tun hat, versteht sich da von selbst. Entführt wird nämlich nicht aus dem Serail, sondern "ins aufgeräumte Leben", wie's im Dialog heißt. Vom nackten Paar nach dem Sündenfall und zur Ouvertüre bis zu Pedrillos und Blondchens Spießerdasein vor dem Fernseher. Wobei Figurennamen und -abgrenzungen bei Herheim verwischen, der seinen Freud und Jung kennt, mit Über-Ich, Persönlichkeitsaufspaltungen, Verlockungen des Diabolischen und gar des eigenen Geschlechts muntere Psychoanalyse betreibt.

Herheim und Ausstatter Gottfried Pilz siedeln alles auf einer ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft an, die Videos von "fettFilm" sorgen für reizvolle bis verblüffende Effekte. Und wer akzeptiert, dass Handlung nicht erzählt wird, dass Mozarts Meisterwerk als Material verstanden wird, der hat seinen Spaß. Herheim zerlegt das Stück gewissermaßen in seine Kernmotive. Wichtig sind ihm die zugrunde liegenden Gefühle, Kräfte und Befindlichkeiten, die als eine Art "Entführung 2.0" oder "Mozartvariation" neu verbildlicht werden.

Herheims aufgekratztes Treiben zwischen Frauenpower und schlappschwänzigen Männern ist weniger Opernzertrümmerung, entpuppt sich vielmehr als Lehrstück bis zum Partnertausch à` la "Cosi fan tutte" oder, bedingt durch hübsch Gereimtes, als "Faust light". Amüsant ist das, hintersinnig, von ansteckender Jugendfrische und in der detaillierten Regie hochmusikalisch - aber wirklich, im Ignorieren der Handlungsebene, auch erlaubt?

Dietmar Kerschbaums Pedrillo als Hauptfigur

Dennoch: Die Aufführung hat gewonnen. Durch eine größere Stringenz, durch stärkere Fokussierung auf Pedrillo, den Dietmar Kerschbaum mit großem schauspielerischen Können und herzhaftem Tenor-Einsatz zur Hauptfigur macht. Gewonnen hat sie aber auch durch den bestens aufgelegten Neuling Franz Hawlata (Osmin), der - ob als mephistophelischer Priester oder nuancenreicher Fiesling - Kerschbaum als Einziger Paroli bieten kann.

Laura Aikin, vom Blondchen zur Konstanze befördert, fühlt sich in der ruhigen Linienzeichnung der "Traurigkeits-Arie" gut aufgehoben, singt ansonsten mit virtuoser Kühle, in der Höhe auch überreizt. Valentina Farcas bewältigt das Blondchen - bis auf kleine Anstrengungen - hochachtbar. Charles Castronovo (Belmonte) blieb solide, klang anfangs matt und wird wohl noch an gestalterischer Souveränität gewinnen.

Mozartglück pur dagegen im Graben. Dem Mozarteum-Orchester mit Chef Ivor Bolton gelingt eine konturenscharfe, vibrierende, nie zu harsche und keine Sekunde in Belanglosigkeit verstreichende Deutung, die Herheims Szenerie ideal ergänzt. Höhepunkt: Das Finalquartett des zweiten Akts, das Bolton - vom bangen Innehalten bis zur triumphierenden Geste - als Konzentrat der Oper vorführt. In dieser Form begegnet das Orchester den Platzhirschen der Wiener Philharmoniker auf Augenhöhe. Berechtigter Jubel, Herheim musste sich gewohnten Buhs stellen. Und dass er für Bayreuths "Parsifal" 2008 im Gespräch ist, verspricht Spannendes: Nach Schlingensiefs aktueller Deutung kann dort ja ohnehin nichts mehr schrecken.

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