Mit aufgerissenem Hemd

München - Eine längere Kunstpause, dies gleich vorweg, ist in der Szene nichts Neues. Christa Ludwig half dies über eine Krise hinweg, ebenso dem (danach abgespeckten) Ben Heppner.

Rolando Villazón meldet sich mit einer CD und Konzerten aus der Zwangspause zurück

Die inzwischen heftig gefragte Natalie Dessay baute ihre Stimme fast komplett neu auf, und Waltraud Meier erholte sich von Wagner-Marathons, indem sie sich ein Jahr lang "nur" Lieder und Oratorien gestattete. Rolando Villazón ist also in bester Gesellschaft.

Ob vokale oder psychische Krise, ob total ausgebrannt angesichts zu hoher Terminbelastung: Entscheidend ist, dass Villazón wieder da ist. Offenbar mit verschlankter und heruntergepegelter Stimme, wie Wiens Staatsopern-Besucher jüngst erleben konnten. Und mit gesteigerter Fähigkeit zur Selbstkritik, wie er derzeit in Interviews beweist. "Plötzlich verliert man die Wirklichkeit", hat er gerade der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. "Wir sind private und öffentliche Menschen. Es kommt erst zu Problemen, wenn diese beiden Personen nicht mehr die gleichen sind."

So gesehen, ist seine neue CD mit eher unbekannten Arien ein Dokument aus der Zeit des Wirklichkeitsverlusts. Das Album "Cielo e mar", das an diesem Freitag mit PR-Tamtam auf den Markt geworfen wird, entstand nämlich im März 2007, also kurz vor Villazóns Zwangspause. Und alles, was diesen Tenor von den Kollegen unterscheidet, ist (ein letztes Mal?) herauszuhören.

Ob Ponchiellis "Gioconda", Boitos "Mefistofele", Donizettis "Poliuto" oder Verdis "Luisa Miller": Unter 100 000 Volt ist bei Villazón keine Phrase zu haben. Interpretation bedeutet bei dem Mexikaner vor allem Singen mit aufgerissenem Hemd. Temperamentvoll, hochemotional, weltumarmend, aber eben auch (zu) druckvoll und schonungslos.

Als Hörer erliegt man sofort der zupackenden Art Villazóns, die Stimme scheint einem aus den Lautsprechern entgegenzuspringen. Dieser Tenor ist der vielleicht größte, sympathischste Rattenfänger der Opernwelt - und doch keimt der Argwohn: Hält er die Dauer-Emphase durch? Würde er mit solchen Kraftentladungen einen ganzen Opernabend schaffen? Und überhaupt: Muss man Dramatik immer einen Eichstrich über der gesundheitlich verträglichen Grenze servieren?

Kollegen wie Ramón Vargas mögen etwa das "Quando le sere al placido" aus "Luisa Miller" mit feinzeichnendem Stilgefühl entwickeln, Villazón gibt hier wie in allen anderen Nummern stets die eine Rolle: die des echauffiert Leidenden, der sein Herzweh geradezu nach außen stülpt. Was effektvoll ist und überrumpelt, zugleich aber den Rollenporträts auch etwas Gleichförmiges anhaften lässt.

Wo er behutsamer vorgeht, etwa zu Beginn von Ponchiellis "Il padre mio", gewinnt die Stimme sofort an Farben und Weite, klingt weniger gestaut und gleitet barrierefrei auf dem Atemstrom. Zugleich wird deutlich, mit welcher Intelligenz sich Villazón seine Phrasen zurechtlegt. Denn diese Gestaltungskunst ist es, die ihn von der Konkurrenz abhebt - nicht der letztlich aussichtslose Kampf, mit überreizter Dramatik zu punkten. Gut möglich also, dass diese Arien am 14. März im Münchner Gasteig ganz anders, gesünder und auf wohltuende Weise reduzierter klingen werden. Rolando Villazón zieht sich nämlich auf sein lyrisches Kerngebiet zurück. Und gibt damit zu, dass er sich in den letzten Jahren auch verhoben hat.

Den Cavaradossi, den er zum Beispiel in Berlin singen sollte, hat er zurückgegeben. Was man Villazón leicht verzeiht: Im französischen Fach gäbe es schließlich eine überlange Liste mit Partien, die man nur von ihm hören möchte. Und warum sollte eigentlich Wagners "Lohengrin", den der Star schon vor Jahren fast scherzhaft ins Spiel brachte, nicht auch zu ihm passen? Vorausgesetzt natürlich, Emotion wird überlegter dosiert - und Villazóns Ego spielt ihm keinen Streich: "Singen ist der Schrei meiner Seele", hat er es gerade formuliert. "Ich sage meiner Seele also: Schrei weiter!" Es wäre zu wünschen, die Seele überhörte dies.

Rolando Villazón: "Cielo e mar". Orchestra Sinfonico di Milano Giuseppe Verdi, Daniele Callegari (Deutsche Grammophon). Die CD erscheint am Freitag. Villazón gastiert am 14. März in Münchens Philharmonie

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