Aufrecht bis zum bitteren Ende

- Heldin in seinem Schatten: Berührendes Porträt der Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg.

Und was ist mit den Frauen? Waren denn ausschließlich nur ihre Männer die Helden? Trugen allein sie die Qual der Entscheidung, die Last der Verantwortung, die Angst vor den Folgen? 64 Jahre ist es her, dass am 20. Juli 1944 Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Adolf Hitler verübte. Der Anschlag im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" scheiterte. Stauffenberg und einige seiner Mitverschwörer wurden noch in der darauffolgenden Nacht hingerichtet. In die Geschichtsbücher gingen sie ein als die Helden des deutschen Widerstands. Aber sollen wir allein auf sie stolz sein und nicht auch fragen: Welche Rolle spielten dabei ihre Frauen, Mitwisserinnen und Unterstützerinnen?

Konstanze von Schulthess schrieb dazu ein Buch - und zwar über ihre Mutter: "Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg". Ein sehr lesenswertes Porträt, voller Anteilnahme, Liebe, Verehrung, aber auch Sachlichkeit und Distanz. Die Autorin ist das fünfte und jüngste Kind des Ehepaars Stauffenberg, geboren 1945, als sich ihre Mutter bereits seit Monaten in Haft befand.

"Zunächst war es meine Großmutter, die von Claus Stauffenberg schwärmte. Sie hatte ihn bei einer Einladung kennengelernt und war begeistert von seinem guten Aussehen, von seiner untadeligen Erziehung und von der eleganten Art, wie er den Damen die Hand küsste." Auch die 17-jährige Nina war auf Anhieb gefangen von diesem charismatischen 23-Jährigen. Und auch er habe bei der ersten Begegnung gewusst, dass sie die Mutter seiner Kinder werden würde.

Konstanze von Schulthess fängt in ihrem Buch wunderbar ein die Kennenlern- und Brautzeit von Nina und Claus in Bamberg; die Zweifel, die Heimlichkeiten, die Etikette, die eingehalten werden musste. Aber ebenso die von Nina klaglos hingenommenen männerbündlerischen Heimlichkeiten im Zusammenhang mit dem Stefan-George-Kreis. Und vor allem die Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben, dass Claus als hoher Militär strikter Disziplin unterworfen war und daher wenig Zeit mit ihr verbringen konnte. Ein Zustand, der sich steigerte - bis zum bitteren Ende, bis zum gewaltsamen Tod.

"So pathetisch es klingt, er ging bewusst den Weg eines Heldenlebens", sagte einmal Nina von Stauffenberg über ihren Mann. Und Konstanze von Schulthess schreibt: "Heldenmut wurde in diesen Julitagen allerdings auch von meiner Mutter verlangt." Eingeweiht in seine Pläne, hatte sie mit ihm besprochen, "wie sie sich verhalten sollte, wenn das Attentat misslänge: sich unwissend stellen, jede Mitwisserschaft leugnend. ,Das Wichtigste ist, dass einer von uns den Kindern erhalten bleibt, hatte er ihr eingeschärft."

Übermenschliches wurde dieser jungen Frau, die schwanger war mit ihrem fünften Kind, abverlangt. Das tatenlose Warten, dann die Nachricht vom Attentat, vom Fehlschlag, von der Hinrichtung. Zwei Tage später ihre Verhaftung auf Schloss Lautlingen, dem Familiensitz der Stauffenbergs. "Kein Zweifel: Sie war entschlossen, alles aufrecht bis zum bitteren Ende durchzustehen", schreibt die Autorin über ihre Mutter. Das Martyrium begann. Nina spielte die schlichte Hausfrau, die sich nur um Kinder und Küche gekümmert und nichts von den Plänen ihres Mannes gewusst habe. Sie nahm es auf sich, ihrer Kinder wegen Claus von Stauffenberg als Verräter zu verleugnen.

"Er gab mir den Befehl, nicht zu ihm zu stehen, sondern alles zu tun, um mich den Kindern zu erhalten", erklärt sie später. Und das hielt sie durch - im Berliner Gefängnis am Alexanderplatz, im KZ Ravensbrück, zuletzt in Einzelhaft, wo sie ihr Kind gebar, wo sie aber auch davon erfuhr, dass ihre Mutter Anna von Lerchenfeld im Konzentrationslager umgekommen ist. Sie war genau wie fast alle Stauffenbergs nach dem Attentat von den Nazis in Sippenhaft genommen worden. Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg ist mit dem Leben davongekommen.

Die Zeit der Trauer um ihren Mann, um ihr verlorenes Glück hat wohl so richtig erst nach dem Krieg begonnen, als sie nicht mehr darum bangen musste, dass die Nazis ihre Kinder zur Adoption freigeben würden. Diese Frau hat so viel wissentlich erlitten, dass dies vielleicht der Grund war für ihre lebenslange außerordentliche Gefasstheit, für ihre Härte sich selbst gegenüber und Kühle. Sie, bis zum Schluss eine starke Raucherin, starb am 2. April 2006 im Alter von 93 Jahren. Ohne je sentimental zu werden, zeichnet ihre Tochter ein berührendes Bild dieser Frau, die zur Heldin nicht geboren war, die von der Zeit ins Heldinnenfach gezwungen wurde..

Konstanze von Schulthess:

"Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Ein Porträt". Pendo Verlag, München und Zürich, 223 Seiten; 19,90 Euro.

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