Aufregender Bach

- Wohl aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage musste auch der polnisch-ungarische Pianist Piotr Anderszewski im nur zu gut einem Drittel besetzten Prinzregententheater spielen. Es braucht sicher Selbstbewusstsein des Künstlers, keine Rückschlüsse vom Publikumsschwund auf die Qualität des eigenen Vortrags zu ziehen.

Der 34-jährige, bescheiden, schüchtern, gar zierlich wirkende Pianist trat mit Beethovens "Diabelli-Variationen" op. 120 an und spielte die 33 Walzer-Variationen spannungs- und kontrastreich. Ein Werk, das ihm seit Studienzeiten am Herzen liegt. Sein sachlich brachiales Spiel, mit dem er in der ersten Variation den Walzer bearbeitete, ließ zunächst erschrecken. Vielleicht gab es auch durch den weit geöffneten Flügel eine akustische Irritation.<BR><BR>Doch Anderszewski drückte anschließend intelligent die Stimmungs- und Charakterwechsel von mystisch, zart bis grotesk-spukhaft aus. Sein Spiel ist nicht visionär oder zwingend dramatisch, sondern geradlinig, puristisch und introvertiert.<BR><BR>Er ist kein nüchterner Kalkulierer, zieht vielmehr mit seiner Umsetzung der Beethovenschen Tonsprache in Bann. Bei den zahlreichen Gedankenverbindungen begeisterte nicht nur Heiteres, wie Leporellos Auftrittsarie, sondern auch die sakralen, an Johann Sebastian Bach erinnernden Momente.<BR><BR>Ausschließlich der polyphonen Kunst Bachs gehörte der zweite Teil mit den Präludien und Fugen Nr. 21, 22 und 23 aus dem 2. Teil des "Wohltemperierten Klaviers" und der 6. Englischen Suite d-moll BWV 811. Hier dominierten halsbrecherische Tempi, ein harter, glasklarer Anschlag, virtuoses Figurenspiel, aber auch feinsinniges, schattierungsreiches Spiel.<BR><BR>Ein ungewöhnlicher und trotzdem aufregend klingender Bach. Für Piotr Anderszewski ist Bach ein Teil seines Lebens, und ihm fiel das Aufhören schwer. Die Begeisterung übertrug sich aufs Publikum: frenetischer Applaus.

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