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Unverschämt gut drauf: Adolf Eichenseer und Volkssänger Alfred Kinskofer (2. und 3. v. re.) mit Verleger Michael Volk (3. v. li.) und der Couplet AG: Andreas Lipperer, Jürgen Kirner, Bianca Bachmann, Bernhard Gruber (v. li.)

Aufs Maul gschaut: Ausgschaamte Volkslieder

München - Adolf Eichenseer und die Couplet AG haben „Gschaamiges und Ausgschaamtes“ von einst und jetzt gesammelt - und als Buch vorgestellt.

Wer es schafft, in einem Lagerraum zwischen Bücherstapeln Wirtshausstimmung aufkommen zu lassen, der schafft es überall. Adolf Eichenseer ist so einer. Wenn der ehemalige Oberpfälzer Bezirksheimatpfleger zum Akkordeon greift und die Lieder singt, die er im ganzen bairischen Sprachraum gesammelt hat, dann muss man mitsingen. Bei der Vorstellung seines dritten Buchs mit „gschaamigen und ausgschaamten“ Liedern und Trinksprüchen hat der 79-Jährige wieder einmal bewiesen, dass es eine Welt jenseits dessen gibt, was er mit leisem Spott als „feines, edles, moralisch einwandfreies, pädagogisch wertvolles und vor allem perfekt dargebotenes Volkslied“ bezeichnet.

„Alls bloß koa Wasser net“ heißt das Liederbuch, das als letzter Teil einer Trilogie im Münchner Volk Verlag erschienen ist. Und dieser Titel, so verriet Eichenseer den geladenen Gästen bei der Vorstellung im Bücherlager des Verlages im Münchner Stadtteil Berg am Laim, sei „ein Credo“. Er habe „dem Volk aufs Maul gschaut“ und entdeckt, dass die braven Volkslieder „in keiner Weise dem entsprechen, was im Wirtshaus gesungen wird“. Und weil man auch dort je nach Uhrzeit und Alkoholkonsum höchst Unterschiedliches anstimmt, hat Eichenseer die Lieder in zehn Kapitel gegliedert. Um Essen und Trinken geht es da, um Unterhaltung und Humor, um Tanz und Spiel, sogar um Soldatenlieder, Jodler, Schnadahüpfl und Sehnsucht.

Und dann ist da noch „das g’fährliche Kapitel“ – Liebe Erotik, Ehefreud und -leid. „Das böse Weib und der bsuffne Mo kommen oft vor“, sagt der Autor augenzwinkernd. Wie zum Beweis fordert das Trio „Blecherne Sait’n“ zur Melodie des Gospelsongs „Down by the Riverside“ lautstark: „Oide, ruck’s Geld raus, i wui ins Wirtshaus geh’“.

Viele Lieder in Eichenseers Sammlung sind Recyclingprodukte: Alte Melodien mit neuen Texten halten das Liedgut aktuell. Und das ist dem 79-Jährigen ein Herzensanliegen: „Volksmusik kann nur weiterleben, wenn sie sich immer wieder erneuert. Immer nur das Alte führt in die Sackgasse.“

Deshalb hat sich Eichenseer für dieses Buch mit der Münchner Couplet AG zusammengetan, die seit 20 Jahren Couplets und anderes bairisches Liedgut singt und (fort-)schreibt. Ebenso wie das bisweilen deftig zupackende Ensemble um Jürgen Kirner bekennt sich auch Eichenseer zu jenen Texten, die man tunlichst erst nach Mitternacht anstimmt. Schon Ludwig Thoma habe schließlich „das erotische Element der Zote“ gegen Anfeindungen vom „feinen Volk“ verteidigt. Und so fehlt auch das „Bierbauch-Hasi“ von Jürgen Kirner und Bernhard Gruber nicht in der Sammlung, eine Ode auf den Bierbauch, den Couplet-AG-Sängerin Bianca Bachmann sogleich hinreißend schmachtend im Publikum aufspürt.

187 Lieder von „A größers Kreiz tua i net kenna“ bis „Zwoa Antl im Bach“ hat Adolf Eichenseer jeweils mit Noten und Texten in dem Buch verewigt – allesamt über jeden Zweifel erhaben, denn, so Verleger Michael Volk: „Der Anton Eichenseer ist einer, der die Inhalte lebt, die im Buch drin sind.“ Mitleben, Nachsingen und Weitergeben ausdrücklich erwünscht.

Peter T. Schmidt

Adolf Eichenseer:

„Alls bloß koa Wasser net.

Bairische Wirtshauslieder und Trinksprüch‘ – gschaamige und ausgschaamte“. Volk Verlag, München, 288 Seiten; 16,90 Euro.

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