Aufsaugen und durchlässig sein

- Ein Schwamm sei sie, wenn sie arbeite, sagt Soazig Aaron. Im Schwammzustand würden ihrer Meinung nach Romane geschrieben. Dieses Selbstbild ist nicht nur auf die Bescheidenheit zurückzuführen, mit der die Französin auch am Pult steht und ihre Dankesrede hält. Aaron, die am Montag in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität den Geschwister-Scholl-Preis verliehen bekam, hat dieses Schwammprinzip - aufsaugen und wieder von sich geben, durchlässig sein - zur Grundvoraussetzung ihrer Tagebuch-Erzählung "Klaras NEIN" gemacht.

<P>Das Neue, bisher nie so Gehörte, für manche Unerhörte an dieser Autorin ist, dass sie, die übrigens unter einem Pseudonym auftritt, keine Zeitzeugin des Holocaust mehr ist, auch ihre Eltern keine Opfer waren und sie trotzdem - ausschließlich fiktional - darüber schreibt. Und dass ihre Figur Klara, die Auschwitz überlebt hat und nun in den Tagebuchaufzeichnungen ihrer Schwägerin beschrieben wird, für die Mitmenschen eine Zumutung geworden ist mit ihren Lügen, ihrer Herzlosigkeit und Unerbittlichkeit. Das "Schwamm"-Sein habe Aaron einen "Unschulds-, nicht aber Naivitätszustand" erlaubt: "Sich zum Zensor über eine Figur zu erheben, wäre aus meiner Sicht eine Geschmacklosigkeit, wenn nicht gar ein Beweis für Feigheit und Ungerechtigkeit."<BR><BR>"Darf man", fragte Christoph Buchwald in seiner hervorragenden Laudatio stellvertretend, "eine Jüdin, eine fast zu Tode geschundene Überlebende so darstellen?" Die Antwort überließ er den Lesern und lobte stattdessen die literarische Meisterschaft, mit der sich die Autorin vor Urteil und Vorverurteilung hüte und mit der sie sich über "Denkbeschränkungen des Gutmenschentums und der Political Correctness" hinwegsetze. Er halte "Klaras NEIN" für "das bislang überzeugendste Argument gegen die Doktrin eines fernsehbekannten Literaturkritikers, der meinte, über die Erfahrungen von Auschwitz dürfe überhaupt nur schreiben, wer sie mitgemacht habe".<BR><BR>Anlässlich der 25. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises durch die Landeshauptstadt München und den Börsenverein des deutschen Buchhandels erinnerte Oberbürgermeister Christian Ude daran, dass noch bei jedem Festakt eine Warnung vor Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aktuell gewesen sei. Im Vorjahr habe der vereitelte Anschlag auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Gemeindezentrums aufgeschreckt, diesmal sei es der Wahlerfolg rechtsextremistischer Parteien in Brandenburg und Sachsen.<BR><BR>Es sei leider modern geworden, Wahlenthaltung zu predigen, um sich nicht mit unpopulären Beschlüssen der Politik gemein machen zu müssen. Und weil dieser Preis unter anderem "Impulse für das verantwortliche Gegenwartsbewusstsein" auszeichnet, appellierte Ude, die demokratischen Institutionen und Prozesse zu stärken. Denjenigen, die sich für den Geschwister-Scholl-Preis interessieren, brauchte er das vermutlich nicht zu sagen.</P>

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