Am Auftraggeber vorbeigemogelt

- Ein Auftragswerk sollte doch wohl die Klappe sein, mit der man zwei Fliegen schlägt: Es ehrt und ernährt den Komponisten und bietet dem auftraggebenden Orchester die Chance, ein exakt an seinen künstlerischen Qualitäten und technischen Möglichkeiten orientiertes, eben maßgeschneidertes Werk zu bekommen. Eine simple Rechnung, durch die der Münchner Komponist Wilfried Hiller einen dicken Strich machte.

<P>Bei der Uraufführung seines "Gilgamesch" im Herkulessaal _ basierend auf dem ältesten, auf altsumerischen Keilschrifttafeln entdeckten Epos der Menschheit _ mogelte er sich förmlich am Auftraggeber vorbei. Das Münchener Kammerorchester, eines der besten Ensembles der Stadt, wurde schmählich vernachlässigt und als minimal eingesetzte Transparenzfolie verschlissen.</P><P>Stattdessen mussten vier Solisten her, von denen jeder sein Hiller-Häppchen servierte. Mehr nicht. Dabei hätte jeder allein das Zeug gehabt, mit dem Orchester in einen spannungsvollen Konzert-Dialog zu treten. Simon Pauly setzte als Erzähler und Titelfigur seinen von sonorem Fundament bis in die Kopfstimme aufsteigenden, schlanken Bariton perfekt ein. Wohlklang und absolute Textverständlichkeit scheinen ihm selbstverständlich.</P><P>Silke Avenhaus stanzte ihren mit aggressiv repetierenden Akkordfolgen aufgeladenen Klavierpart kraftvoll in die Tasten.. Dank differenzierter Anschlagskultur gelang ihr auch der abrupte Umschlag in zarte Klangnuancen eindrucksvoll. Marta Klimasara schien Gilgameschs verlorenen Trommel-Schlägel aus der Unterwelt geborgen zu haben. Sie wirbelte souverän am mit Klangschalen und Gongs leicht asiatisch orientierten Schlagwerk. Muriel Cantoreggi durfte als Primgeigerin ausdrucksvollen, melodiösen Wohlklang beisteuern. Sie tat es mit Temperament. Und Christoph Poppen waltete am Pult.</P><P>Sein Orchester, diesmal mit vorzüglich integrierten Gast-Bläsern ergänzt, hatte zuvor reüssiert: Mit einer sprühenden "Haffner-Sinfonie" von Mozart und einem bei aller Durchsichtigkeit (nur 14 Solisten) unglaublich dicht gewirkten, orchestral klingenden "At First Light" des 42-jährigen Briten George Benjamin, der mit eigener Handschrift imponierte.<BR>Dazu kam ein reines Streicher-Adagio des im Sommer verstorbenen Komponisten Berthold Hummel. Er ist auch Widmungsträger des "Gilgamesch", den Hiller als "Work in Progress" fortschreiben möchte. Viel Beifall für Christoph Poppens wieder einmal reizvolle Programmauswahl und ein einsames Buh nach Wilfried Hillers irgendwie esoterisch anmutendem Fragment.<BR></P>

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